Spannendes ausgedacht

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Den Erzählwettbewerb der 7. Klassen organisierten Claudius Blume und Barbara Simons (beide Leibnizschule). Die erfolgreichen Schüler freuten sich über Urkunden und Buchpreise (von links): Nikolai Kinski (3. Platz), Christin Meusel (2. Platz) und Mira Bardjesteh (1. Platz).

Offenbach ‐ Im Fernsehprogramm laufen einige Wettbewerbe. Die drehen sich um Tanz, Gesang, wer das beste Essen kocht und möglichst dünn ist sowie blasiert in die Kamera blickt. Von Stefan Mangold

„Seufzend schaute ich auf die Zeitung mit den Models, sie hatten keine Probleme mit ihrer Figur“, heißt es im Final-Beitrag von Christin Meusel zum Erzählwettbewerb von Stadt und Kreis Offenbach in der Stadtbücherei.

Den organisierte zum sechsten Mal die Leibnizschule, namentlich die Deutschlehrer Barbara Simons und Claudius Blume. Eine Jury aus den acht teilnehmenden Schulen hatte alle anonymisierten Texte gelesen und die drei ersten Plätze unter den Schüler aus den 7. Klassen ausgemacht. Diese trugen ihre Texte vor und bekamen Urkunden und Buchpreise überreicht.

Das Thema lautete „Einsichten – Aussichten“. Barbara Simons sagt: „Die Zahl der Teilnehmer war geringer als im vergangenen Jahr.“ Das könne vielleicht „am zu abstrakten Thema gelegen haben“, meint sie selbstkritisch.

Auf den Punkt traf Christin Meusel mit ihrer Geschichte „Zu dick? Oder zu dünn?“ das Thema. Die Friedrich-Ebert-Schülerin aus Mühlheim erzählt von einem 13 Jahre alten Mädchen, das systematisch hungert mit dem Ziel, ihr vermeintliches Idealgewicht zu erreichen. Ihre Meinung deckt sich nicht mit der Ansicht der anderen. Sie hält sich für zu dick, ihr Umfeld nimmt sie als schlank wahr. Die Ich-Erzählerin Jenny spinnt Konstrukte. Sie vermutet, die Ballettlehrerin habe nur deshalb die Titelrolle des Schwans in Tschaikowskis „Schwanensee“ anderweitig besetzt, weil sie figürlich nicht der Rolle entspreche: „So dick, wie ich war, wollte mich keiner auf der Bühne sehen.“ Sie hungert außerdem, um „endlich in den schönen neuen Badeanzug“ zu passen.

In der Schule kann sie sich vor lauter Hunger immer schlechter konzentrieren. Die Zensuren sacken ab. Am Ende klappt Jenny im Sportunterricht zusammen. Sie erwacht im Krankenhaus und „hörte das Fiepen eines Monitors neben mir“.

Christin Meusel gelang eine stringent erzählte Geschichte. Der deskriptive Stil hält die Spannung aufrecht. Der Leser will wissen, wie es weiter geht. Gut vorbereitet, trug die Schülerin ihren Text souverän vor. Am Ende bekam sie die Urkunde für den zweiten Platz überreicht.

Über den dritten Platz musste sich Nikolai Kinski von der Weibelfeldschule in Dreieich nicht grämen. Seine Kurzerzählung „Sternengeschichten“ spielt auf fernen Planeten. Ein Packer im Frachtraum von Raumgleitern lebt auf einem trostlosen Planeten: „Die Leute müssen Sauerstoffmasken tragen, und unsere Meere sind schwarz.“ Durch Zufall landet er auf einem Nachbarplaneten. Auf dem gibt es saubere Luft, die Bewohner verhalten sich friedlich. In der Heimat zurück, beginnt der Held, von der Einsicht beseelt, dass „Einzelne den Anfang“ machen müssen, das Meer zu reinigen.

Den ersten Preis gewann Mira Bardjesteh von der Leibnizschule Offenbach mit ihrer Geschichte „Das wertlose Gold“. Die Ich-Erzählerin irrt durch ein surreal anmutendes Gebäude. Eine Kuckucksuhr, eine skurrile Betreuerin und ein übellauniger Hund tauchen auf. Die junge Bardjesteh formuliert talentiert, mit Gespür für Rhythmus und Stil. Zuweilen verwendet sie zu viele Adjektive, manches wirkt sehr üppig ausgestaltet, dennoch von feinem Sprachgefühl zeugend. Mira Bardjesteh schreibt auf hohem Niveau. Der Sieg ist verdient. Hoffentlich schreibt sie weiter.

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