Luise steht am Abgrund

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Hatice Burkard (links) und Monir Hosseini handarbeiten gern in der Nähwerkstatt der gemeinnützigen Caritas-Tochter Carijob. Doch die Existenz der Einrichtung zur Eingliederung Langzeitarbeitsloser steht auf der Kippe. „Das darf nicht passieren, das wäre eine Katastrophe“, finden die Frauen.

Offenbach ‐ Noch ist es nur eine einzelne verwaiste Nähmaschine. An allen anderen Arbeitstischen der Nähwerkstatt über dem Kleiderladen Luise herrscht eifriges Treiben. Von Barbara Hoven

Gut ein Dutzend Ein-Euro-Jobberinnen handarbeitet hier im Dienste der Carijob gGmbH. Die Frauen kürzen Hosen, fertigen aus bunten Stoffen ausgefallene Taschen oder Dekoratives für Offenbacher Wohnzimmer. Andere der bisher stets rund 40 Kolleginnen im Kleiderladen helfen jeweils für maximal ein Jahr im Verkauf, kümmern sich um Organisatorisches, machen sauber. „Diese Aufgaben sind für die arbeitslosen Frauen sozial so wahnsinnig wichtig“, sagt Anette Bacher, Bereichsleiterin von Carijob, der gemeinnützigen Tochter des hiesigen Caritasverbandes.

Die betreibt nicht nur den Kleider- und den Kinderladen Luischen in der Kaiserstraße, sondern auch das Sozialkaufhaus in der Luisenstraße. Seit anderthalb Jahren finden Langzeitarbeitslose und Menschen aus schwierigen Verhältnissen in den drei Einrichtungen eine neue Perspektive und einen Fahrschein zurück ins geregelte Leben. Doch wenn Anette Bacher nicht bald Erfolg hat bei ihrer Fahndung nach neuen Fördertöpfen, wird in der Nähwerkstatt bald keine einzige Maschine mehr rattern. „Wir sind sehr am schwimmen, alles droht auseinander zu bröckeln“, sagt Bacher.

Bund streicht Geld für Förderinitiativen

Nicht nur der Werkstatt drohe das Aus. Auch in den Läden „werden wir uns mit Sicherheit mindestens verkleinern müssen“. Die Öffnungszeit des Kleiderladens ist bereits verkürzt, das Angebot der Kantine für Bedürftige im Sozialkaufhaus eingedampft. Und die Carijob-Hausaufgabenhilfe für Hartz-IV-Kinder musste eingestellt werden.

Auslöser der Misere: Die Bundesregierung hat in ihrem Sparpaket kräftig den Rotstift angesetzt beim Geld für Förderinitiativen. Allein bei der Arbeitsagentur muss man so mit 1,5 Milliarden Euro weniger auskommen. Wie berichtet, hatten sich bereits im Oktober Verantwortliche von Offenbacher Bildungs- und Beschäftigungsträgern mit dem Appell an die Öffentlichkeit gewandt, die Kürzungen zu verhindern.

Draus geworden ist nichts. Konsequenz für Offenbach: Die lokale Mainarbeit muss ihre Maßnahmen zur Arbeitsförderung massiv einschränken. Konsequenz für die Carijob: Wo im vergangenen Jahr noch mehr als 200 AGH-Plätze (Arbeitsgelegenheiten und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen) vergeben wurden, sind es jetzt nur noch 45, mit denen diverse Projekte – von den Energiespar-Lotsen bis zum Sozialkaufhaus – abgedeckt werden müssen.

Ende der Werkstatt scheint besiegelt

Doch zurück in die Nähstube, die es bereits besonders hart getroffen hat. Ende Dezember lief der Vertrag von Schneidermeisterin Janka Knüppel aus, der „Seele des Ladens“, die Dutzenden von Frauen die Kniffe des Handwerks gezeigt hat. Auch für ihre Stelle fehlte nun das Geld. „Frau Knüppel hat uns so viel beigebracht, wir vermissen sie sehr“, sagt Ein-Euro-Jobberin Monir Hosseini. Noch laufe der Betrieb mit den bereits gut geschulten Frauen weiter.

Doch wenn die in den nächsten Wochen nach und nach ausscheiden, scheint das Ende der Werkstatt besiegelt. Weil dann niemand mehr da ist, der den wenigen AGH-Kräften, die noch neu kommen, das Nähen beibringen kann. „Im Verkauf könnte ich zur Not noch selbst anleiten, doch fürs Nähen fehlen mir schlicht die Kenntnisse“, stellt Bacher fest. „Es ist so traurig, dass wir die Leute, die so toll aktiviert wurden, nun zurück auf die heimische Couch schicken sollen.“

„Gekniffen sind die Arbeitslosen“

Um Vorwürfe in Richtung Mainarbeit geht es ihr nicht. Dort versuche man ja, lobt Bacher, den Verzicht wenigstens so zu streuen, „dass alle Träger gleich belastet werden und keiner untergeht“. Dies bestätigt auch der Mainarbeit-Geschäftsführer. In ganz Offenbach, berichtet Matthias Schulze-Böing, seien die AGH-Plätze für 2011 gegenüber 2010 um die Hälfte gekürzt worden.

„Gekniffen sind die Arbeitslosen, aber auch die Träger und uns trifft es hart – jeder muss einen Teil der Last tragen“, bedauert er die „äußerst unerfreuliche“ Lage, deren Folgen für das Offenbacher Gemeinwesen gravierend seien. Gerade jetzt, wo der Aufschwung helfen könne, auch „unsere oft marktfernen Kunden“ in Arbeit zu vermitteln, sei es bedauerlich, „dass uns die dafür nötigen Instrumente aus der Hand geschlagen werden“.

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