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SPD-Ortsvereinskassierer will Nazi-Schmiererei melden und kassiert dummen Spruch bei Polizei

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Von: Christian Reinartz

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Mit 135 Hakenkreuzen und einer NSU-3.0-Signatur haben Unbekannte die DHL-Packstation am Odenwaldring in Offenbach beschmiert.
Mit 135 Hakenkreuzen und einer NSU-3.0-Signatur haben Unbekannte die DHL-Packstation am Odenwaldring beschmiert. © Privat

Unbekannte haben die DHL-Packstation in Offenbach mit 135 Hakenkreuzen beschmiert, zur Tötung von Ausländern aufgerufen und mit NSU 3.0 signiert.

Offenbach – Doch das ist eigentlich der kleinere Skandal in dieser Geschichte. Als Kay Wendelmuth, Kassierer im SPD-Ortsverein Anlagenring, an der Station in Offenbach am vergangenen Dienstag (13. September) um 15.40 Uhr ein Paket abholen will, entdeckt er die Nazi-Schmierereien. Er macht Beweisfotos und fährt damit zum nahe gelegenen Polizeipräsidium, um die Sache zu melden. Am Empfang erklärt er sein Anliegen, traut dann aber seinen Ohren nicht. Der Sicherheitsmitarbeiter habe folgenden Satz zu ihm gesagt: „Na so eine Sauerei, zwei, drei.“

Dann habe er das Ganze mit einem breiten Grinsen quittiert. „Ich habe dem Mann natürlich sofort gesagt, dass ich Hakenkreuzschmierereien überhaupt nicht lustig finde und nicht verstehe, warum da bei der Polizei Witze drüber gemacht werden“, schildert Wendelmuth den Vorfall. Der Mitarbeiter sei dann ins Stottern gekommen. „Er sagte mehrmals Entschuldigung und ich solle warten, bis jemand Zeit habe.“

Offenbach: Polizei nimmt Meldung zu Hakenkreuzen nicht auf

Nach rund einer halben Stunde wird die Zeit für Wendelmuth knapp. „Ich hatte einen wichtigen Termin und konnte nicht länger warten“, berichtet er. Gekommen, um sich seine Meldung anzuhören, sei niemand. Am Ende verlässt er das Polizeipräsidium unverrichteter Dinge – ohne, dass sich ein Polizist der 135 Hakenkreuze und der NSU-Signatur angenommen hätte.

„Es ist ja schon ein starkes Stück, dass man im Polizeipräsidium Witze macht, wenn jemand so etwas melden will“, ärgert sich Wendelmuth. „In Zeiten, in denen die hessische Polizei ohnehin schon permanent mit dem Vorwurf konfrontiert ist, Rechte in ihren eigenen Reihen zu haben, ist so ein Verhalten einfach nur unglaublich.“

Ihm stellten sich nun ein paar Fragen: „Sind die Polizisten tatsächlich so überlastet, dass es nicht möglich ist, innerhalb von 25 Minuten zu reagieren? Oder werden Hakenkreuzschmierereien als Dummejungenstreiche abgetan und man hofft, mit Ignorieren das Thema loszuwerden?“

Offenbach: Mehrere Fälle von Hakenkreuz-Schmierereien bei Polizei gemeldet

Immerhin: Als Wendelmuth den Fall wenig später beim Mängelmelder der Stadt einreicht, reagiert das Ordnungsamt prompt und versichert schriftlich: „Ihr sachbezogenes Anliegen wurde an die Deutsche Post und an die zuständige Fachabteilung der Landespolizei weitergeleitet.“

Als die Redaktion die Polizeipressestelle mit den Vorwürfen konfrontiert, teilt Sprecher Christopher Leidner mit, dass es bereits am Vormittag des 16. September Hinweise zu einer Vielzahl an Sachbeschädigungen mit politischem Hintergrund in der Schubertstraße, im Odenwaldring sowie in angrenzenden Bereichen gegeben habe. Dabei seien Laternen, Fahrzeuge, Warnbarken, Gebäudeteile sowie Fächer einer Paketstation mit verfassungsfeindlichen Symbolen beschmiert worden.

„Die umgehende Strafanzeigenaufnahme erfolgte durch die örtlich zuständige Polizeidienststelle. Alle weiteren kriminalpolizeilichen Ermittlungen werden durch den Polizeilichen Staatsschutz des Polizeipräsidiums Südosthessen konsequent geführt“, versichert Leidner. Die Geschädigten seien darauf hingewiesen worden, die Schmierereien zeitnah zu entfernen.

Hakenkreuz-Schmierereien in Offenbach: Hessens Innenministerium wegen des Vorfalls beunruhigt

Das von Wendelmuth geschilderte Fehlverhalten erklärt Leidner so: „Der Empfangsbereich des Polizeipräsidiums Südosthessen wird von einem externen Dienstleister und somit nicht durch die Polizei betreut.“ Dass Wendelmuth warten gelassen wurde, habe daran gelegen, dass das Polizeirevier Offenbach zu dem angegebenen Zeitraum zeitgleich mehrere, darunter auch zeit- und kräfteintensive Aufträge abzuarbeiten gehabt habe. Gleichwohl nehme die Polizei die Sache sehr ernst und habe daher ein Gespräch mit dem Sicherheitsdienstleister sowie dem Mitarbeiter geführt und diesen sensibilisiert. Leidner: „Es liegen keine Anzeichen vor, dass der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstleisters vorsätzlich eine Anzeigenaufnahme verhindern wollte.“

Im Innenministerium ist man wegen des Vorfalls zunächst spürbar beunruhigt. Immerhin muss Innenminister Peter Beuth nicht zum ersten Mal Nazi-Eskapaden in der Truppe erklären. So haben Beamte des Frankfurter Präsidiums schon häufiger für Skandale gesorgt, zuletzt mit rechten Chatgruppen, in denen volksverhetzende Inhalte geteilt worden sein sollen. Das Frankfurter Spezialeinsatzkommando wurde sogar aufgelöst.

Offenbach: Keine Stellungnahme zur Vorfall im Polizei-Präsidium

Dem Vorfall in Offenbach scheint der Minister dagegen nicht mehr allzu viel Bedeutung beizumessen, seit klar ist, dass es nominell um keinen Beamten geht, sondern nur um einen Empfangsmitarbeiter im Polizeipräsidium. Vize-Ministeriumssprecher Benjamin Crisolli: „Ich bitte höflich um Verständnis, dass sich das Innenministerium aufgrund der Sachlage zu keiner Stellungnahme veranlasst sieht.“ (Christian Reinartz)

Immer wieder werden in Offenbach öffentliche Plätze mit solchen Symbolen beschmiert. Mit mehreren Hakenkreuzen und SS-Runen wurden die Straßen und Hausfassaden rund um den Hauptbahnhof verschandelt.

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