Wer spielt, hat schon verloren

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Suchtberaterin Barbara Hanelt-Thomas vom Suchthilfezentrum Wildhof. 

Offenbach - Haus und Hof, das Erbe – verspielt. Bei Barbara Hanelt-Thomas saßen schon viele, die aufgrund ihrer Spielsucht nahezu alles verloren haben und ins Kriminelle abgerutscht sind. Von Fabian El Cheikh

„Das wird schnell existenziell“, sagt die Sozialtherapeutin, „spätestens, wenn der Hartz-IV-Satz am zweiten Tag des Monats verzockt ist. “.

Ein halbes Prozent der Bevölkerung gilt Studien zufolge als „pathologisch spielsüchtig“, hängt regelmäßig und zu lange an Automaten in Spielhallen. Klingt nicht viel, „wenn man das aber auf Offenbach hochrechnet, haben wir in der Stadt 600 Betroffene, und das ist nicht mehr ganz so wenig“.

Die meisten kommen freiwillig

Die Beraterin im Suchthilfezentrum Wildhof führt Statistik. Seit das Land Hessen vor vier Jahren die Fachberatung eingerichtet hat und größtenteils finanziert, haben immer mehr Menschen den Weg nach Offenbach und zur Kreisdependance in Dietzenbach gefunden. 2011 waren es 41 in der Stadt und 54 im Kreis. „Mehr Fälle können mein Kollege Egon Heeg-Matthaei in Dietzenbach und ich mit zusammen einer Stelle kaum bewältigen.“

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Grundregeln für Zocker

Die meisten kommen freiwillig, weil der Leidensdruck zu groß geworden ist. „Es bekommen alle irgendwann finanzielle Probleme, zuhause gibt es Ärger, so entsteht die Einsicht, dass etwas aus dem Rahmen geraten ist, dass etwas getan werden muss.“ Hanelt-Thomas erinnert sich an einen Hilfesuchenden, der seiner Freundin Geld gestohlen hatte, um seine Sucht zu befriedigen. Kein Einzelfall. Aber: „So etwas ist der entscheidende Auslöser, die eigene Krankheit anzuerkennen und Rat zu suchen.“

Als solche ist Spielsucht anerkannt. Krankenkassen übernehmen seit elf Jahren die Therapiekosten. Der Wildhof bietet ausschließlich ambulante Rehabilitation an. Dabei handelt es sich um intensive nicht- oder nachstationäre Behandlung zur Entwöhnung. „Die meisten Fälle überweise ich aber direkt zur dreimonatigen stationären Behandlung“, sagt Hanelt-Thomas, „denn es muss klar sein: Spielsucht ist wie Drogensucht eine sehr heftige Sucht und daher kaum vergleichbar mit einer Abhängigkeit von Computerspielen oder Internet.“

„Der Betroffene übersieht, dass er mehr verliert, als er gewinnen kann"

Wie bei harten Drogen sehne sich der zwanghafte Zocker zurück nach dem ersten Kick, beschreibt die Beraterin das Gefühl. „Das habe auch ich verspürt, als ich versuchsweise an einen Automaten ging, ich spürte, wie mich das packt, und genau darauf habe ich keine Lust“, erzählt Hanelt-Thomas.

Wenn die Walzen sich drehen, blinken und dann abrupt stehen bleiben, ist der Kick am größten.

Der Süchtige dagegen werfe immer mehr Münzen ein, wartete auf das Geräusch der drehenden Walzen, die blinkenden Lichter, verliere Zeitgefühl und Orientierung – das Adrenalinerlebnis nach dem ersten Sieg erlebe er aber nie wieder. „Die Kurve verläuft nach der ersten großen Erfolgsspitze stetig bergab.“ Die zwischenzeitlichen Belohnungen in Form kleiner Gewinne, die der Automat ausspuckt, gäben jedoch den Impuls, das Positive immer wieder erleben zu wollen.

„Der Betroffene übersieht, dass er auf Dauer mehr verliert, als er gewinnen kann.“ Am Ende stehe die Verschuldung und die „broken home“-Situation, bei der das soziale Gefüge des Menschen völlig zerrüttet ist. Betroffen seien vor allem Personen, die verunsichert oder nicht fest verwurzelt sind, unabhängig von finanzieller und sozialer Situation. So scheine es wenig überraschend, dass in Offenbach mit seiner Struktur 70 Prozent der Suchtklientel einen Migrationshintergrund habe. „Hessenweit sind es 30 Prozent.“

„Größtes Suchtpotenzial geht von der Schnelligkeit des Spiels aus“

Die Novellierung des Spielhallengesetzes durch die Landesregierung hält Hanelt-Thomas für unzureichend. Sie kritisiert die Abstandsregelung zwischen zwei Spielhallen, die auf 300 Meter festgelegt wurde. „Wenn man das hochrechnet“, packt sie ihre Statistik aus, „sind auf einem Quadratkilometer neun Spielhallen erlaubt. Bei 500 Metern wären es nur vier. Offenbach hat eine Fläche von 45 Quadratkilometern...“

Für Donnerstag, 11. Oktober, plant der Wildhof einen Fachtag zum pathologischen Glücksspiel im Kreishaus. Eingeladen ist Professor Dr. Jobst Böning, der diese Sucht als diejenige in Deutschland bezeichnet, die den größten volkswirtschaftlichen Schaden anrichtet.

Das größte Suchtpotenzial geht der Expertin zufolge von der Schnelligkeit des Spiels aus. „Das dauert in der Regel gerade mal drei Sekunden, solange drehen sich die Walzen.“ Weil’s so schnell geht, werde nochmal nachgelegt und nochmal und nochmal – der Spieler versetze sich in einen Zustand andauernder Hochspannung. „Und genau das macht süchtig.“

Vor 2006 habe ein Spiel immerhin zwölf Sekunden betragen, dann sei es der Automatenindustrie gelungen, den Gesetzgeber zu bewegen, die Mindestdauer auf fünf Sekunden vom Geldeinwurf an zu reduzieren. „Dieses Thema wurde im neuen Gesetz leider völlig ausgespart“, bedauert die Therapeutin.

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