Sportler sind kernige Bedingungen gewohnt

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Auch abseits der Matte eine sehr homogene Truppe: Die Männer des 1. JC Samurai. Die freuen sich im Capitol ausgelassen über die Wahl zur „Mannschaft des Jahres 2010“.

Offenbach - Der Tag nach dem Sport: Hunger, Müdigkeit, Muskelkater. Das alles sind Zeichen von Erschöpfung. Bei vielen Athleten stellt sich aber auch Euphorie ein. Von Martin Kuhn

Die fehlt am Tag nach der Sportgala im Capitol. Sicher: Ein schöner Abend, ein kurzweiliger Abend. Es ist eine gelungene Mischung aus interessanten Gästen und hochkarätigem Programm. Dennoch will keine rechte Begeisterung aufkommen, der Applaus ist wohlwollend, aber nicht losgelöst – außer in den Ecken des Judo-Club Samurai und des Fechtclubs. Dort ist Party angesagt, die zu etwas fortgeschrittener Stunde an der Bar fortgesetzt wird.

Woran liegt’s? Diese Frage stellen sicher viele. Klar. Im vergangenen Jahr versammeln die Organisatoren mit dem mittlerweile verstorbenen Kickers-Ehrenpräsidenten Waldemar Klein, dem damaligen Innenminister Volker Bouffier und dem ehemaligen Offenbacher Fußballbub Jimmy Hartwig drei äußerst charismatische und kurzweilige Zeitgeister auf der Bühne, die jeder für sich und auf seine Weise den Saal für sich gewinnen – und das im Handumdrehen. Da wirken, so muss man leider festhalten, die Protagonisten in diesem Jahr etwas gehemmt, ja geradezu bieder. Entsprechend zurückhaltend geben sich die gut 750 Gäste.

Gut bis bestens gelaunt sind die Preisträger. Allen voran die Sportler des Jahres, die unsere Leser und Online-Nutzer bestimmten. Jochen Koch, Leiter unserer Sportredaktion, kitzelte ihnen so manches Detail heraus. Florina Plachta, 16-jährige Degenfechterin, erzählt schmunzelnd, wie sie zu dem anspruchsvollen Sport gekommen ist. In Disneyland sieht sie Peter Pan und Captain Hook gegeneinander fechten. „Ich fand das toll, wollte das sofort nachmachen. Meine Eltern kauften mir ein Plastikschwert, mit dem ich zu Hause immer rumgefuchtelt habe.“ Irgendwann reicht es der Mutter mit den heimischen Übungen: „Schau’ dir mal den Fechtclub Offenbach an.“ Und der hat seither zunehmend Freude an der Athletin, die ab morgen bei der Degen-Weltmeisterschaft in Jordanien startet.

Die Sportgala in Bildern

Sportgala im Offenbacher Capitol

Durch und durch bescheiden gibt sich Robert Wulnikowski, Torwart der Kickers, Publikumsliebling auf dem Bieberer Berg und seit Donnerstag „Sportler des Jahres 2010“. Angesprochen auf seine Glanzparaden im Pokalhit gegen Borussia Dortmund spielt der 33-Jährige seine Rolle herunter: „Ich allein habe die Partie nicht gewonnen.“ Nicht der Einzelne zählt, sondern das Team – so etwas hört jeder Trainer gern. Und was ist von der Mannschaft in der restlichen Saison noch zu erwarten? Antwort: Siege. Wenn es immer so einfach wäre.

So einfach stellt sich auch der Erfolg der „Mannschaft des Jahres“ dar. Die Männer des 1. JC Samurai sind als Aufsteiger das beste Team der 2. Judo-Bundesliga Süd. Bilanz: sieben Wettkämpfe, sechs Siege. Trainer und Präsident Francesco Liotta strahlt und verrät die Motivation der jungen Kämpfer: „Wir wollen immer vorne stehen...“ Das ist ihnen bei der Wahl geglückt. Was weniger anstrengend ist als das wöchentliche Trainingspensum – 20 Stunden in der Woche. Dann gibt Liotta zu: „Mir blutet das Herz.“ Das ist darin begründet, dass der Judo-Club auf die Aufstiegsrunde verzichtet. Das hat keine sportlichen, sondern finanzielle Gründe. Und er hofft immer noch auf bessere Trainingsmöglichkeiten für seinen Verein: „Das wissen Sie ja, Herr Oberbürgermeister...“

Dabei hatte Verwaltungschef Horst Schneider zu Beginn de Galaabends betont, dass die Stadt „den Sport als Kitt unserer Gesellschaft weiter hegt und pflegt“. Er listet kurz abgeschlossene oder auf den Weg gebrachte Projekte auf: Kickers-Stadion, Sportzentren Wiener Ring und Bürgel, EOSC-Waldschwimmbad. Dort hat Michael Groß, der im Capitol für sein sportliches Lebenswerk ausgezeichnet wird, in seiner aktiven Zeit seine „sportliche Heimat, die ich nie verlassen habe“. Dort zählte er, wie Laudatorin Franziska van Almsick es ausdrückt, Kacheln. Sprich: rund 38 000 Kilometer legt der „Albatros“ in Schwimmbädern zurück. Kein Wunder, dass es ihn heute gar nicht mehr ins Wasser zieht. Immerhin eine Sache, die die beiden ehemaligen Top-Athleten verbindet. Als ihre Karriere beginnt, endet seine.

Nett: Zwei langjährige Wegbegleiter Groß’ haben sich unter die Gäste gemischt: Teamkollege Thomas Fahrner und Trainer Hartmut Oeleker. Fahrner schildert den Geehrten als „Teamplayer, offenen, lebendigen Menschen“. „Oelus“ bezeichnet seinen besten Athleten als konsequent und zielstrebig. Und dann taut Michael Groß, der meist nüchtern und gelassen wirkt, auf. Er erinnert sich noch gut an das pädagogische Gespür seines ehemaligen Trainers. Als Groß bei der WM 1986 einen seiner beiden Titel holt, aber unter dem angestrebten Weltrekord bleibt, sagt er zu einem Schützling: „Junge, das war wohl nichts.“ Dass er nie dem EOSC den Rücken kehrt, verwundert angesichts folgender Geschichte: Das Training im Waldschwimmbad auf der Rosenhöhe sei teils extrem gewesen. „Zwei Stunden Training im Freibad bei zehn Zentimeter Neuschnee. Das war schon kernig...“

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