Kurzweilig, aber mit Längen

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„Es lebe der Sport...“ Liedermacher Rainhard Fendrich schrieb den ewigen Refrain 1983. Er passt auch 2012 zum traditionellen Empfang

Offenbach - Die Absichtserklärung ist versteckt in der Rede des Verwaltungschefs. Sie geht beinahe verloren in einem Empfang, der als recht kurzweilig und familiär bezeichnet werden darf. Von Martin Kuhn

Man kennt sich eben in der kleinen Großstadt am Main, die sich an diesem Abend nicht als Kreativ-, sondern als Sportstadt präsentiert. Einige Längen lassen allerdings die Konzentration schwinden. Eine Pause, eine Auszeit wäre dem Abend zuträglicher gewesen als so manche Verlängerung. Wie im richtigen Sport: Vieles wird in der dritten Halbzeit geklärt. Voller Bauch diskutiert halt gern.

Zurück zum „Dojo“, nicht zu verwechseln mit dem ähnlich klingenden Spielgerät. Ein solcher Trainingsraum für japanische Kampfkünste ist seit Jahren der Traum des Judo-Clubs Samurai Offenbach. Für dessen Chef Francesco Liotta ist das Fehlen einer eigenen Judohalle ein deutlicher Wettbewerbsnachteil und sicher mit ein Grund, weshalb sich die Samurai-Frauen aus der 2. Liga zurückziehen, wie unsere Sportredaktion vergangene Woche berichtete. An diesem Abend macht Schneider den Samurai-Athleten ein solches „Dojo“ schmackhaft, das seiner Meinung nach in der neuen Hafen-Schule Platz finden könnte in einer doppelstöckigen Sporthalle, wie sie beispielsweise an der Schillerschule steht.

Eine - geschuldet dem sportlichen Rahmen - taktische Meisterleistung des Oberbürgermeisters: Mit dieser Argumentation greift er aktuelle Entwicklungen auf, fängt Sportler sowie Kritiker ein für den geplanten und teuren Schulneubau. Und in diesem Fall hat er sich der grünen Rückendeckung, größerer der beiden SPD-Koalitionspartner, offenbar vorher versichert. Die Grünen haben nach einem Besuch bei Samurai versichert, deren Trainingsbedingungen verbessern zu wollen. „Man könnte untersuchen, ob in einer der geplanten Sporthallen nicht ein Leichtathletik-Boden mit fest integrierten Matten installiert werden und so wirklich gute Trainingsbedingungen geschaffen werden können“, resümierte die Stadtverordnete Brigitte Koenen.

Meisterschaften und Bau eines Sportzentrums

Zuvor fasst der OB das Sportjahr im Zeitraffer – Deutsche Meisterschaften im Florettfechten, Hessische Meisterschaften im Beachvolleyball, Bau des Sportzentrums Wiener Ring, der ESO-Sportfabrik und des Sparda-Bank-Hessen-Stadions. Dazu die frohe Kunde: „Alle Parteien im Stadtparlament sind sich einig, dass wir die Vereine auf den verschiedensten Wegen unterstützen müssen.“ Trotz angespannter Haushaltslage hätten im vergangenen Jahr mehrere 100.000 Euro an Zuschüssen und Fördergeldern bereit gestanden. „Mehr als 1,2 Millionen Euro investieren wir jährlich in unsere Sportanlagen“. Der Applaus der Vereinsvertreter ist in diesem Fall obligatorisch.

Dr. Rolf Müller, Präsident des Landessportbundes, greift das wohlwollend auf, aber zunächst in die Tasche. „Wir wissen, was sich gehört“, sagt er ehemalige Schwimmer, gratuliert Schneider zur offiziellen Einführung in die zweite Amtszeit und überreicht eine Krawatte des Sportbundes: „In Rot; übrigens eine Frage der Ästhetik, nicht der Politik.“ Er dankt der Stadt für einen Abend, mit dem jenen gedankt wird, die Vereinsarbeit und sportliche Erfolge möglichen machen - und zwar in Zeiten, „in denen über die Vereinsmeierei mitunter gelächelt wird“. Aber gerade heute gebe es Strömungen in der Gesellschaft, die zeigten, „dass wir eigentlich mehr Vereine bräuchten. Die leisten in Fragen der Integration und Einbindung wertvolle Arbeit - gerade in Städten wie Offenbach“.

Jörg Roßkopf zu Gast

Ähnliches bekundet Sportkreisvorsitzender Peter Dinkel. Dass die Stadt noch immer einen sechsstelligen Betrag für den Sport bereit stelle, nötigt ihm Respekt und Dank ab, denn letztlich profitiere die gesamte Gesellschaft. Es sind aber nicht nur frohe Kunden, die er überbringt. Unschlüssig ist Dinkel etwa in der Frage, ob er grünes Licht für den FC Fortuna gibt, einen neuen Fußballclub: „Als hätten wir nicht genug Fußballvereine in Offenbach - 24.“

Während der Handball-EM (Schulsport-Koordinatorin Heike Nubert überbringt den Anwesenden die Kunde von der deutschen 26:28-Niederlage gegen Dänemark) lenkt Moderator Jürgen Weil mit Gast Jörg Roßkopf den Blick auf die Tischtennis-WM im eigenen Land. Der Nationaltrainer bricht im Interview eine Lanze für die (lokale) Nachwuchsarbeit: „Es ist entscheidend, was im Schüler- und Jugendbereich passiert.“ Er erntet Früchte der Kärnerarbeit: „Ich habe es mit fertigen Spielern zu tun.“ Das ist aufschlussreich und unterhaltsam, etwas irritiert wird hingegen Weils eher kumpelhafte Anrede des Bundestrainers („Du, Rossi...“) im Capitol-Foyer registriert.

Vor Kalbsschnitzeln mit Parmaschinken und Basilikumpesto oder Schepplingen an Schmand servieren Judith Beier und Alexander J. Beck erhellende, heitere, teils zu derbe und lange Sichtweisen auf sportliche und zwischenmenschliche Beziehungen. Aber das alles lässt sich bis zum nächsten Sportlerempfang sicher korrigieren.

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