Sportliches Wechselspiel

+
Letzte Überbleibsel des Tambourbads: Diese drei Steine, aus denen munter Wasser plätschert, erfreuten sich Kinder jahrelang. Jetzt stehen sie der künftigen Nutzung im Weg. Und die steht ganz klar im Zeichen des Fußballs.

Offenbach ‐ Am Tambourweg wird die Geschichte der Sportstadt neu geschrieben. Die Technik- und Umkleideräume gammeln als letzte Reste des ehemaligen Freibades vor sich hin. Derweil ebnen Arbeiter das zwölf Hektar große Areal für weitere Fußballplätze. Von Martin Kuhn

Es ist Kaiserwetter: Ein blauer, wolkenloser Himmel. Die Sonne treibt schon am Vormittag die Temperaturen an die 30-Grad-Grenze. Nur kurz bremst der Tieflader. Der Fahrer lenkt den Dreiachser in die schmale Durchfahrt und gibt Gas. Eine Staubwolke wirbelt in die Höhe, legt sich auf Kleider und Haut. Kaum biegt der Laster um den Erdwall, ist die Zunge merkwürdig pelzig. Ahh. Jetzt ein Sprung ins kühle Nass. Der Gedanke ist gut, kommt jedoch 15 Jahre zu spät. Am Tambourweg, wo einst Bad und Liegewiese lockten, breitet sich eine riesige Baustelle aus. Fußball statt Schwimmen lautet heute die Devise. Auf zwölf Hektar entsteht bis zum Endes des Jahres ein Breitensportzentrum, bewegen die Arbeiter 15.000 Kubikmeter Boden.

Die Kommune korrigiert so eine fatale Fehlentscheidung der ehemaligen Stadtväter. Das am 3. Juni 1967 eröffnete Tambourbad galt lange Zeit als eines der modernsten Bäder Hessens. Es verfügte neben einer großen Liegewiese über zwei Schwimmbecken, Sprungturm und Wasserrutsche. Leider hatten sich die Planer das falsche Areal, respektive den falschen Untergrund gewählt: Im März 1994 musste das Bad geschlossen werden, da von einer früheren Haus- und Gewerbemülldeponie, über der gebaut worden war, Gase aufstiegen. Sie gestatteten nicht länger die Nutzung des Bades. Die Stadt schloss die hoch defizitäre Einrichtung.

Probebohrungen und Bodengutachten gehören zu den wichtigsten Maßnahmen bei der Projektumsetzung

Solch ein katastrophaler Fehler bei der Standort-Wahl würde heute nicht passieren, oder? „In dieser Form eher nicht“, sagt Diplom-Ingenieur Florian Nichterlein, dem die Projektsteuerung obliegt. Er weiß um den kritischen Untergrund des ehemaligen Kalksteinbruchs. Daher gehören Probebohrungen und Bodengutachten zu den wichtigsten Maßnahmen vor und während der Umsetzung. Nichterlein: „Die Deponietätigkeit ist weitgehend abgeschlossen.“ Zwar tritt weiter Methangas aus, „aber die Menge ist viel geringer geworden“. Das kontrollieren die Experten regelmäßig mit sogenannten Schnüffelgeräten.

Sorgen müssen sich die Fußballer nicht machen, die künftig das Areal nutzen. Methan ist ungiftig. „Zu einer explosiven Konzentration kann es nur in Räumen oder Zelten kommen – und die haben wir hier nicht“, sagt Daniela Martha, Geschäftsführerin der Sport- und Freizeit GmbH Offenbach. Die Planer gehen jedoch ganz sicher. Um das Gas zu verteilen und den Untergrund weiter zu stabilisieren, wurde er vermörtelt; das heißt: Die Firmen arbeiten Kalk ein. Das dient nicht allein dem Schutz der Sportler: „Wir wollen verhindern, dass uns die Spielfelder, in erster Linie natürlich der Kunstrasenplatz, wegsacken.“ Also will die Stadtwerke Holding das viele Geld nicht in den Sand setzen. Und dann rutscht der Geschäftsführerin ein schöner Satz raus: „Für uns ist das ein technisches Bauwerk.“ Tja, so kann sich der Betrachter täuschen. Ein Rasenplatz sieht zwar mit seinem satten Grün sehr natürlich aus, ist es aber nicht.

Folglich müssen keine Gärtner ran, sondern Baufirmen. Für das Fünf-Millionen-Euro-Projekt erfolgte eine deutschlandweite Ausschreibung. Den Zuschlag erhielt die Hellmich Unternehmensgruppe mit Sitz in Dinslaken – im deutschen Sportstättenbau eine feste Größe. Hellmich kann Objekte wie die MSV-Arena in Duisburg oder das Millerntor-Stadion auf St. Pauli als Referenz vorweisen. Bereits im Januar wurde ein Großspielfeld mit zwei integrierten Kleinspielfeldern (56 x 90 Meter) offiziell übergeben.

Alte Gebäude werden abgerissen

Was in den nächsten Wochen folgt, „ist in Sachen Sportanlagen-Technik auf dem neuesten Stand“. Umkleide- und Sanitärtrakt sowie Vereinsräume samt Terrasse entstehen auf dem Areal, das am Tambourweg unter anderem den Kickers-Fans als Parkplatz diente. Das liegt außerhalb des ehemaligen Deponiekörpers und ist zudem „auf gewachsenem Boden“ 2,50 Meter tief gegründet. Verwerfungen, die die Zweckbauten ähnlich in Mitleidenschaft ziehen wie das Haus des Platzwartes, dürfte es an dieser Stelle nicht geben. Letzteres wird ebenso abgerissen wie die Gebäude, die längs des Fußweges zum Wiener Ring an vergangene Badetage erinnern.

Überreste aus längst vergangenen Sporttagen am Tambourweg. Die defekten Sanitäranlagen stehen sinnbildlich für das einstige Vorzeige-Bad mit Strahlkraft ins Hessenland. Ein gefundenes Fressen für die Abrissbagger.

Apropos Schwimmbad: Nahe der ehemaligen Becken steht den Fußballern künftig ein Rasenplatz (Einsaat im November) zur Verfügung, im Bereich der ehemaligen Liegewiesen ein Kunstrasenplatz – jeweils mit den Maßen 68 x 105 Meter. Eine Flutlichtanlage für den Kunstrasenplatz ist Standard. „Schließlich will man die Vorteile des Platzes vor allem im Winter nutzen“, so Daniela Martha.

Aber auch der Umweltschutz findet Beachtung. Eine per Internet steuerbare Bewässerung der Plätze ist ebensowenig Spielerei wie ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem: Ein Versickerungsbecken nimmt von allen Plätzen überschüssiges Wasser auf. Damit wird verhindert, dass etwa bei starkem Regen der Rasenplatz regelrecht weggeschwemmt wird. Weiterer Vorteil: Der Platz ist wieder früher bespielbar. Und: Das Wasser fließt nicht in den kostenpflichtigen Kanal. Für warmes Duschwasser sorgt eine Luft-Wärme-Pumpe, eine Photovoltaik-Anlage zur Stromgewinnung ist problemlos auf dem zweigeschossigen Trakt nachzurüsten. Ersatz für gefällte Bäume bilden eine Art Allee zwischen den neuen Fußballplätzen.

Erschlossen wird das Sportzentrum – nicht zu vergessen ist die Leichtathletikanlage, die eine kleine Tribüne bekommt! – fortan über den namengebenden Wiener Ring, der ein Stück verlängert wird. Mit dem Bau der 240 Parkplätze beginnt die Firma im Juli. Für die Anwohner bedeutet das deutlich mehr Autoverkehr. Eine Entlastung für das Wohngebiet rund um den Heusenstammer Weg ist das nicht automatisch. Da gibt es einen zweiten Zugang mit Kurzzeit-Parkplätzen und Stellflächen für Behinderte.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare