„Vereinslandschaft verändert sich dramatisch“

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Peter Dinkel

Sportvereine im Wandel - mit dem Vorsitzenden des Sportkreises Offenbach, Peter Dinkel, sprach unser Redaktionsmitglied Ralf Enders.

Herr Dinkel, ist der klassische Sportverein ein Auslaufmodell?

Das wäre schlimm. Es können nicht alle Vereine groß sein. Richtig ist, dass der Vereinsgedanke nachlässt und die Vereine sich verändern - zu Dienstleistern. Aber wir sind ein Vereinsland. Darum beneidet uns das Ausland.

Was muss ein Sportverein heute anbieten, um angenommen zu werden?

Die klassischen Sportarten - außer Fußball - sind rückläufig. Beispiel Turner: Der TSV Heusenstamm ist der einzige Verein, den ich kenne, der da noch Gas gibt. Oder Tennis: Wir haben eine Überkapazität in Stadt und Kreis Offenbach an Plätzen. Vereine, die die neuen Sportarten wie Inlineskaten, Tai Chi, Capoeira und vor allem auch Gesundheitssport anbieten, haben dagegen regen Zulauf.

Wenn denn ein Verein größer wird - ist das mit Ehrenamtlichen noch zu leisten?

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Zunächst: Früher waren die Vorstände noch in der Haftung, etwa bei Baumaßnahmen. Das hat sich Gott sei Dank geändert, denn Haftung besteht nur noch bei grob fahrlässigem Handeln. Dann: Einen großen Verein zu führen kostet viel Zeit. Die jetzigen Vorstände sind teilweise überaltert und wollen irgendwann aufhören. Aber wer hat noch Lust, einen großen Verein ehrenamtlich zu führen? Wer 40 ist, steht voll im Berufsleben und hat Familie. Das macht kaum ein Partner mit. Ich stelle mir vor, dass ein großer Verein mit mehr als 2000 Mitgliedern einen Geschäftsführer beschäftigt, in Verbindung mit einem ehrenamtlichen Vorstand.

Finanziert aus Mitgliedsbeiträgen?

Ja, aber auch über Sponsoren. Und die Politik ist gefragt. Wenn die sagt, dass Vereine der „Kitt unserer Gesellschaft sind“, dann muss sie auch helfen.

Sind Sie in diesem Punkt zufrieden mit der Hilfe etwa durch den Kreis Offenbach?

Ja, Ex-Landrat Peter Walter hat vieles angepackt, in einem Tempo, bei dem man teils nicht mitkam. Auch der Offenbacher Oberbürgermeister Horst Schneider ist ein sehr engagierter Sportdezernent, der für den Sport in Offenbach steht. Seine Idee mit der Sparda-Bank beim Stadionneubau war grandios. Das ist für die Region lebenswichtig.

Sind Fusionen unausweichlich, trotz lokaler Befindlichkeiten?

Die Voraussetzungen sind nicht überall ideal. Und: Das ist in einer Stadt anders als auf dem Land, wo die Identifizierung der Mitglieder mit ihrem Verein enorm ist. Allerdings sind Jugendliche da schon lockerer. Ich rede zunächst von Kooperationen als Vorstufe. Im Fußball etwa gibt es viele Spielgemeinschaften. Da haben wir einen Missstand in Offenbach-Stadt: Hier gibt es 90 Sportvereine, davon 23 Fußballvereine und davon wiederum 7 bis 8 reine Migrantenvereine. Das ist zu viel, wo soll das Geld für die Förderung denn herkommen? Doch solchen Beispielen zum Trotz: Die Vereinslandschaft verändert sich dramatisch.

Was heißt das konkret?

Die händeringende Vorstandssuche ist das eine. Und junge Leute nehmen‘s heute einfach lockerer, die kommen und gehen auch wieder. Dabei können Jugendliche für etwa 50 Euro im Jahr die gesamte Infrastruktur eines Vereins nutzen. Im Monat ist das billiger als eine Packung Zigaretten. Fitnessstudios sind viel teurer, aber wenn ein Sportverein den Beitrag um 1 Euro erhöht, hagelt‘s Austritte. Da schiebt man schon Frust.

Was also ist zu tun?

Offensiver werden, wir sind keine Bittsteller. Jeder Jugendliche, den wir von der Straße holen, spart dem Staat Geld. Wir müssen mehr in die Schulen, auch wegen der Ganztagsschulen. Und wir müssen mehr Mitglieder werben. Als Beispiel nenne ich die TG Bornheim mit ihrem Stand - auf dem Mainuferfest in Offenbach. Ich habe die Stadt angerufen und gefragt: Muss das sein? Antwort: Wir könnten ja auch nach Frankfurt gehen. Richtig, so emsig muss man sein, um neue Mitglieder zu werben.

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