Sprache ist ein Schlüssel

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„So kennen wir unseren Chef“, meinen die Kolleginnen zum Mann mit Hut. Fritz Schlicker wird heute an der Erich-Kästner-Schule verabschiedet. Aus gesundheitlichen Gründen scheidet der 63-Jährige zwei Jahre früher aus dem Schuldienst aus.

Offenbach - Erlebnisse in der eigenen Schulzeit waren prägend und ausschlaggebend für seinen späteren Berufswunsch: Fritz Schlicker fand es ungerecht, wie den Mitschülern begegnet wurde, „die anders waren“. Die Erwachsenen ließen es im Umgang mit ihnen an Wertschätzung mangeln und räumten ihnen weniger Chancen ein. Von Simone Weil

In der ersten Zeit als Lehrer stellte der heute 63-Jährige fest, dass Sprache ein wichtiger Schlüssel ist. „Mit geringen Sprachkenntnissen wird man oft für dumm gehalten.“ Das fand Schlicker veränderungswürdig und sattelte das Studium der Sprachheilpädagogik auf. Der gebürtige Limburger arbeitete Mitte der 70er Jahre als Lehrer in Groß-Gerau sowie als Sprachheilbeauftragter am Gesundheitsamt und baute die Sprachheilambulanz in Hessen mit auf.

Heute wird der Leiter der nach Erich Kästner benannten Sprachheilschule an der Geleitsstraße in den Ruhestand verabschiedet - aus gesundheitlichen Gründen zwei Jahre früher als üblich. Seit 1995 engagiert er sich in Offenbach für ein Zusammenwirken aller, die in der Beratung und Förderung sprachauffälliger Kinder tätig sind. „Die Leute, die zusammenkamen, kannten sich gar nicht“, stellte er erstaunt fest.

Inzwischen ist ein Netzwerk entstanden: Die Schule mit gut 160 Schülern und etwa 30 Lehrern fungiert als wichtige Anlaufstelle für Eltern und informiert über Möglichkeiten im Umgang mit einer verzögerten Sprachentwicklung. Das alles soll helfen, den Betroffenen trotz ihrer Schwierigkeiten zu einem guten Schulstart zu verhelfen.

Auch diesen Kindern soll das Lernen Spaß machen“, lautet Schlickers Credo. Wenn die Jungen und Mädchen einzelne Laute nicht sprechen können, schwer zu verstehen sind, unzusammenhängend in halben Sätzen erzählen oder sich verhaspeln, haben sie es in der Regelschule schwer. Weil sie aus unterschiedlichen Gründen nicht altersgemäß entwickelt sind, hilft ihnen die intensive Betreuung in kleinen Klassen mit maximal zwölf Kindern. Angestrebt ist, den Kindern den Übergang auf die Regelschule zu ermöglichen - dieses Ziel erreichen 97 Prozent der Erich-Kästner-Schüler.

Intensiv arbeitet die Einrichtung mit den Frühfördereinrichtungen. Die Entwicklung der sprachlichen Kompetenz ist bis zum siebten Lebensjahr abgeschlossen. Wenn es also Defizite gibt, möchte man denen schnell auf die Spur kommen. „Denn das wächst sich nicht aus“, weiß der Pädagoge. „Aber wir können wirklich viel erreichen.“

Das Thema Sprachförderung ist für Fritz Schlicker zur Lebensaufgabe geworden, deswegen engagiert er sich auch im Landes- und Bundesverband und wird der Sache auch über den Ruhestand hinaus treu bleiben. Stolz ist der scheidende Schulleiter, dass das Gebäude saniert und vor allem innen durch eine liebevolle Farbgestaltung deutlich freundlicher wurde. Mit Unterstützung durch die August-Bebel-Schule und dem Internationalen Bund wurde dies trotz des knappen Budgets möglich.

Es klingt wie die eigene Abschiedsrede, wenn Schlicker sagt: „Das war der Gipfel meiner beruflichen Laufbahn“. Mit Blick auf Offenbach meint er: „Die Stadt stellt einen hohen Anspruch an den Pädagogen.“ Er glaubt: „Was Offenbach jetzt in Bezug auf eine interkulturelle Gesellschaft leistet und durchmacht, steht anderen Städten noch bevor.“ Der Ruheständler wohnt in Darmstadt. Die frei werdende Zeit will er nutzen, um sich noch ein bisschen häufiger der Musik zu widmen: Banjo und Mundharmonika sind seine bevorzugten Instrumente. Neuerdings bringt er seine tiefe Gesangsstimme auch noch als Bass in einem Gospelchor ein.

Seine Tätigkeit im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik führt den Lehrer durch ganz Deutschland und Österreich. Um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, begleitet ihn seine Frau auf diesen Touren. „Außerdem habe ich noch einen Wohnwagen an einem See stehen“, sagt Schlicker. Auch ferne Ziele werden angepeilt: „Wenn ich jemals ausgewandert wäre, dann nach Neuseeland“, verrät er. Ein Maori-Amulett trägt er schon auf der Brust - ein Mitbringsel von einem der Söhne, die beide bereits dort waren.

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