Staatsanwalt Stahlecker wechselt die Fronten

Gut zehn Jahre hat Alexander Stahlecker (Mitte) die Zweigstelle Offenbach der Darmstädter Staatsanwaltschaft geleitet. Deren Chef Dr. Albrecht Schreiber verabschiedete ihn gestern in den Ruhestand. Stahleckers Nachfolgerin wird Annette von Schmiedeberg.Foto: Bernd Georg

Offenbach - Es ist einer der letzten Arbeitstage des Oberstaatsanwalts. Drei Tage nach seinem 65. Geburtstag sitzt Alexander Stahlecker im dritten Stock des Justizzentrums an der Kaiserstraße. Knorrig - wie es seinem Ruf gebührt - lässt er sich die Antworten aus der Nase ziehen.

Warum er eigentlich Jurist geworden sei, will der Journalist wissen. „Gute Frage“, schnaubt er, zuckt mit den Schultern und sagt: „Nächste Frage.“

So hätte man sich noch lange mit Stahlecker abmühen können, dessen unbewegte Miene an jeden Pokertisch passt: Ob er einen „Royal Flush“ oder eine Lusche auf der Hand hält? Ob er Lust hat, auf Reporterfragen zu antworten? Ob er einen Angeklagten für schuldig hält? Es ist ein müßiges Unterfangen, aus diesem Gesicht etwas zu lesen, was Stahlecker nicht preisgeben möchte. Doch wer sich nicht abschrecken lässt von der ruppigen Schale, wer weiter bohrt und fragt, der wird belohnt. Plötzlich taut Stahlecker auf und lässt sich ein paar der Anekdoten entlocken, die er in 36 Jahren als Staatsanwalt und einem Jahr als Richter erlebt hat.

„Es gibt da so ganz irre Konstellationen“, deutet er an - und die listigen Äuglein leuchten, weil der Staatsanwalt weiß, was so ein Journalist hören möchte. „Aber das würde jetzt zu weit führen - vielleicht schreibe ich mal ein Buch darüber“, droht er, das versprochene Schmankerl wieder zu entziehen, bevor er es enthüllt hat. Aber dann gibt er es doch preis. Es war ein Dieb, Räuber und Gewalttäter, den Stahlecker einst beim Ermittlungsrichter im Offenbacher Amtsgericht traf. Der Gangster erzählte, dass er nächste Woche ja wieder einen Termin vorm Kadi habe - dann allerdings in Darmstadt. Und er wisse nicht, wie er da so früh morgens hinkommen solle, wo er doch kein Auto habe. Das sei kein Problem, meinte der Staatsanwalt: „Zu der Verhandlung muss ich auch, ich nehme Sie mit.“ So verabredeten sich Ankläger und Angeklagter zur Fahrgemeinschaft. Doch der Straftäter kam nicht zum Treffpunkt. Und weil man ohne Angeklagten eh nicht hätte verhandeln können, fuhr Stahlecker zur Wohnung des Mannes in die Mittelseestraße. Die verschlafene Freundin öffnete die Tür. Der Staatsanwalt weckte den Straftäter und fuhr mit ihm nach Darmstadt. Die Fahrzeit nutzte Stahlecker, um sich mit dem Sünder auf eine angemessene Strafe zu einigen. Als der in die Absprache nicht eingeweihte Richter ein milderes Urteil verkündete, meinte der Angeklagte: „Moment, da muss ich erst mit meinem Staatsanwalt schwätzen, ob ich das annehmen darf.“

Wer sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen lässt, der kann von Stahlecker viele solcher skurriler Geschichten erfahren, die davon zeugen, dass dieser Staatsanwalt sich bis heute für die Menschen interessiert, mit denen er zu tun hat. Auch wenn die auf der Anklagebank sitzen. Und künftig wird er sich mit denen noch vertraulicher beschäftigen dürfen. Bei seiner offiziellen Verabschiedung kündigte Stahlecker gestern an, er werde am nächsten Donnerstag in Frankfurt als Rechtsanwalt vereidigt. Dann beginnt der 65-Jährige als Strafverteidiger in der Offenbacher Kanzlei seines Freundes Dr. Stefan Bürkle-Storz. „Ich habe es nie bereut, das Armutsgelübde abgelegt und Staatsanwalt geworden zu sein“, bekannte Stahlecker vor rund hundert geladenen Gästen. „Aber nun hält mich das Land für zu alt und verbraucht, und da werde ich eben nochmal Rechtsanwalt.“ Es sei ihm zu wenig, von nun an nur noch den Garten umzugraben.

Unter Offenbachs Juristen erregt der Frontwechsel Aufsehen. „Niemand kennt die Schwächen der Offenbacher Ermittler so gut wie er“, heißt es. Und ein früherer Referendar meint: „Wenn ich etwas auf dem Kerbholz hätte, würde ich mich von Stahlecker verteidigen lassen.“ Er habe nichts dagegen, wenn Angeklagte so dächten, meint der nüchtern: „Aber krumme Dinger wird es mit mir nicht geben.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare