Was ist die Stadt in Euro wert?

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Wie gesund ist das Unternehmen Stadt?

Offenbach -  Die wenigsten Menschen haben je einen städtischen Haushalt gelesen. Auch für den ein oder anderen Stadtverordneten dürfte das Zahlenwerk ein Buch mit sieben Siegeln sein. Von Thomas Kirstein

Früher zeigte so ein Haushalt lediglich auf, wie das Geld in der Stadt fließen soll und tatsächlich geflossen ist. Das hieß „kameralistische Buchführung“, nach den Finanzkammern an Fürstenhöfen“. Mit dem, was ein ordentlicher Kaufmann verbuchen muss, hatte das wenig zu tun.

Doch seit wenigen Jahren sind die Gemeinden gehalten, es den Kaufleuten nachzutun und sich einer doppelten Buchführung zu befleißigen, die auch Erträge, Aufwendungen und Vermögenswerte berücksichtigt. Aufs Private übertragen: Früher genügte ein Haushaltsbuch, das die Ein- und Ausgaben gegenüber stellte, jetzt muss auch noch einberechnet werden, was das Häuschen oder das Auto noch wert sind.

Für so etwas die Grundlage zu schaffen, ist in einer Stadt von der Größenordnung Offenbachs eine Herkulesarbeit. Die haben die Mitarbeiter von Stadtkämmerer Michael Beseler jetzt geleistet. Ergebnis ist die „Eröffnungsbilanz“, die der oberste städtische Kassenwart gestern vorstellte.

Wie gesund ist das Unternehmen Stadt?

Was es bringt, dass die Stadt erstmals detailliert wie ein Unternehmen bewertet wurde: Zu einem Stichtag können alle Vermögensgegenstände und alle Schulden gegenübergestellt werden; man weiß, wie das Infrastrukturvermögen, also Straßen, Dämme, Kulturgüter oder Wald, da steht; es wird erkennbar, was Bauten (Rathaus, Schulen, Kindergärten, aber nicht die ausgegliederten Klinikum, Stadthalle und Capitol) noch an Restwert haben und Grundstücke dauerhafter wert sind; und letztlich zeigt sich über das sich aus der Differenz von Schulden und Vermögen errechnende Eigenkapital, wie gesund das Unternehmen Stadt ist.

Im Fall Offenbach sieht Letzteres nicht gut aus. 56 Millionen seien keine gute Eigenkapitalquote, sagt KämmereileiterWinfried Ermert. Sein Chef Beseler ergänzt, dass sich der Betrag in wenigen schlechten Jahren schnell aufgelöst haben kann.

871 Millionen Euro beträgt die nun akribisch errechnete Bilanzsumme Offenbachs. So viel Geld steckt in den unterschiedlichsten materiellen und immateriellen Vermögenswerten - mit 331 Millionen sind etwa die städtischen Grundstücke eingebucht, mit 18 Millionen für spätere Beamtenpensionen zinsbringend angelegtes Geld. Das ist die linke Seite der Aktiva, die ausweisen, wo die Mittel hingegangen sind.

871 Millionen Euro ist die magische Zahl für Offenbach

Die entsprechenden 871 Millionen Passiva, die zeigen, woher die Mittel kommen, haben als dicksten Brocken das Kreuz, das Offenbach schon lange zu tragen hat: 517 Millionen davon sind die bislang angehäuften Schulden. 189 Millionen sind Rückstellungen für Pensionen und andere Verpflichtungen, 109 Millionen laufen unter „Sonderposten“: Das sind unter anderem sowohl Zuschüsse von Land oder Bund, aber auch Beiträge, die Bürgern als Anteile für Straßenbaumaßnahmen abgeknöpft werden.

Was bedeuten jetzt die 871 Millionen der Eröffnungsbilanz? Wäre das vielleicht die Basis, wenn ein Multimilliardär das Unternehmen Stadt Offenbach kaufen wollte und dürfte? Zu hypothetisch, sagt Kämmerer Beseler: Eine Kommune will niemand kaufen, weil mit nichts, was in der Bilanz steht, Gewinn zu machen ist, ebensowenig wie etwas, das Verluste bringt, abzustoßen wäre: „Eine Straße, die nur kostet, können sie nicht einfach zumachen.“

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