Stadt hält fest am Beethoven-Kahlschlag

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Das Areal der heutigen Beethovenschule hebt sich auf einer Luftaufnahme aus dem Jahr 1953 als helle Fläche hervor. Einen Vorkriegs-Baumbestand können die städtischen Experten nicht erkennen.

Offenbach - Die historischen Kenntnisse des ehemaligen Rektors machten Hoffnung auf Erhaltung wenigstens der größten jener 21 Bäume, die für eine genauere Suche nach Weltkriegs-Blindgängern auf dem Areal der Beethovenschule gefällt werden sollen. Von Thomas Kirstein

Alten Archiven hatte Gerd Beitler seinerzeit für die 50-Jahre-Festschrift der Bildungseinrichtung entnommen, dass dortige Platanen schon in den 1930er Jahren von der Kaiserstraße dorthin für einen „Bürgerpark“ versetzt worden seien. Mithin, so schließt Beitler heute, könnten sich unter deren Wurzeln keine Sprengkörper mehr befinden.

Die Stadt geht dagegen davon aus, dass die Bäume erst später und zum Teil auf mit Sprengkörper enthaltendem Trümmerschutt verfüllten Bombentrichtern gepflanzt wurden. Wie berichtet, haben sich Oberbürgermeister Horst Schneider und seine Fachleute entschieden, auf dem Gelände der neu erbauten Schule einen Kahlschlag anzuordnen. Nachdem bereits 2011 und erneut in diesem Frühjahr auf dem Areal an Richard-Wagner- und Schubertstraße Munitionsreste – daneben auch eine Stabbrandbombe mit Zünder – gefunden worden waren, war dort vollständige „Kampfmittelfreiheit“ nachzuweisen. Dazu ist für die Stadt eine Fällung unumgänglich: „Eine Entfernung der Auffüllung mit schwerem Gerät und vollständige Sondierung im Baumwurzelbereich ist bei gleichzeitigem Erhalt der Bäume technisch nicht möglich.“

Planung des Schulneubaus

Ex-Rektor Beitler, vor dem Ruhestand immer eng in die Planung des Schulneubaus eingebunden und immer noch pädagogisch aktiv, äußert Zweifel, die auch die einen unbegrünten, kahlen Schulhof befürchtende Elternschaft teilt: Wenn es so gefährlich ist wie behauptet, warum hat dann dort jetzt noch ein Flohmarkt stattfinden dürfen, warum dürfen dort überhaupt noch Kinder spielen, warum wurde überhaupt erst so spät reagiert und informiert?

Bei Beitler und vielen Beethoven-Eltern kommen die Sicherheitsargumente der Stadt jedenfalls nicht an. Die, so erscheint es Betroffenen, nehme die Verkettung von Unwahrscheinlichkeiten als schlimmsten Fall an, auf den reagiert werden müsse.

Bewegung kam besonders ins Rathaus, nachdem der Regierungspräsident angesichts der Munitionsfunde ein Restrisiko erkannt und erklärt hatte, dass dieses städtische Mitarbeiter zu tragen hätten: Wenn ein Baum umstürze, was nie auszuschließen sei, könne das die Detonation einer eventuell vorhandenen Bombe auslösen.

Nur das geringste Restrisiko

Stadtsprecher Matthias Müller macht nun deutlich, dass kein städtischer Mitarbeiter bereit sei, auch nur das geringste Restrisiko, das zu Lasten von Kindern gehen könne, zu tragen. Die Hoffnung von Gerd Beitler, einige Bäume erhalten zu können, weil sie früher gepflanzt wurden, ist zerstört: Nachkriegs-Luftaufnahmen des Areals lasen keinen Rückschluss auf vorhanden Baumbestand, sondern nur auf Buschwerk zu. Umweltamtsleiterin Heike Hollerbach, deren Amt die Fällgenehmigung erteilt hat, ergänzt: Selbst wenn es die nicht verbürgte Verpflanzung von der Kaiserstraße gegeben hätte, könne es sich nur um kleinere Bäume gehandelt haben, deren Wurzeln sich längst auch über Bomben im verfüllten oder gewachsenen Boden ausgebreitet hätten.

Heute will die „Initiative Beethovenschule“ bei der Stadtverordnetenversammlung (17 Uhr, Rathaus) ihre Bedenken und offenen Fragen vermitteln: Dem liegt die Annahme zugrunde, dass es doch einen anderen Weg als den für die Stadt zwar schmerzlichen, aber am einfachsten wirkenden Kahlschlag geben müsste, um ein bombensicheres Schulgelände zu erhalten.

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