Stadt am Monitor erkunden

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Auf geht’s zum virtuellen Rundgang über den Wochenmarkt. Stadtsprecher Matthias Müller hat auf seinem Verwaltungsrechner bereits Zugang zu dem entsprechenden Programm.

Offenbach ‐ Man schlendert über den Platz, wandelt unter einer Baumallee, blickt auf einen Hauseingang. Der Videospieler im Betrachter erwartet, dass im nächsten Moment ein Charakter auftaucht, der in virtuellen Spielwelten meist Gefahr verheißt und in den elektronischen Mülleimer zu pusten ist. Von Martin Kuhn

Diesmal kommt’s aber nicht so weit. Das hier ist ein sicheres Pflaster - bald als Wilhelmsplatz zu identifizieren, mit seinem markanten, wenn auch im Frühjahr gelichteten Kastanienbestand. Eine Tür führt geradewegs ins Lokal „Tafelspitz“. „Da ist demnächst die Speisetafel zu lesen“, sagt Stadtsprecher Matthias Müller und weist auf ein weiteres liebevolles Detail hin. Das Nummernschild der motorisierten Droschke auf dem Stellplatz ist einem bekannten Offenbacher Taxiunternehmer zuzuordnen. Da ist wohl der Lokalpatriot im Programmierer durchgegangen; es belegt aber auch, wie weit moderne Computertechnik gehen kann.

Das Team um Jörn-Ulrich Bockwoldt im Vermessungsamt hat freilich viel ernstere Absichten mit dem 3D-Stadtmodell von Offenbach, das sich im Aufbau befindet, als nur die Leute zu verblüffen. Er bremst zudem Erwartungen: „Ein Modell der gesamten Stadt wird es so schnell nicht geben. Dazu ist die Datenmenge einfach zu groß.“ Also ist das Projekt, für das der Magistrat bislang 60.000 Euro bereitgestellt hat, doch nur eine Spielerei für die Amtsstuben?

Künftige Bebauung per Mausklick sehen

„Nein“, beeilt sich Oberbürgermeister Horst Schneider, zu versichern. Er sieht in dem 3D-Modell, das vorerst ausgesuchten Projekten wie Wilhelmsplatz, Mainstraße oder Spessartring (Standort des neuen Polizeipräsidiums) vorbehalten ist, ein Instrument, um künftige Investoren nach Offenbach zu leiten. Mit ein paar Mausklicks wird sichtbar, wie sich künftige Bebauungen in die Umgebung einpassen, wie sie harmonieren oder auch zuwider laufen. Denkbar ist zudem, dass neue Straßenführungen - wie etwas der Mainzer Ring in Bürgel - realistisch dargestellt werden. Eine Hilfe vor allem für diejenigen, die zweidimensionale Pläne selten in die reale Welt transferieren können. „Das könnte eine ergänzende Form der Bürgerinformation und -beteiligung sein“, sagt Amtsleiter Bockwoldt.

Was hier als geradezu spielerische Leichtigkeit daherkommt, ist nur dank intensiver Vorarbeit und gewaltiger Rechnerleistung zu stemmen. Federführend für das 3D-Stadtmodell ist Hans-Peter Bicherl. Wenn er von Höhenmodellen, LOD 2, Messpunktanzahl DTM, Verschneidung der Gebäudeebene, LAS-Software oder Geometrie aus GIS spricht und Zusammenhänge erklärt, behält der Laie sein bescheidenes Computer-Wissen lieber für sich.

Grundlage fürs 3D-Modell ist eine „Befliegung“ im März 2007 (Kosten: 30 000 Euro). Je Quadratmeter wurden sechs bis neun Höhenpunkte vermessen; bei einer Größe des Stadtgebiets von 45 Quadratkilometern ergibt das jede Menge Daten. Bei 420 über das Stadtgebiet verteilten Vergleichspunkten stellten die Vermessungs-Ingenieure „eine Genauigkeit von ±3 cm“ fest. Laut Bicherl eine „ungeheure Genauigkeit“.

Daten per Knopfdruck jederzeit abrufbar

Für die Vermesser, deren wesentliche Aufgabe die Abbildung der Stadt ist, war die Erfassung der Höhenzahlen stets Bestandteil der Arbeit, „nur wurde das nie dargestellt“. Das hat sich nun geändert und die Datenmenge kräftig wachsen lassen. Zusammengerechnet ergibt das eine Datenmenge von 31,4 Gigabyte. Vorteil: Für Ingenieurplanungen sind die Daten per Knopfdruck jederzeit abrufbar.

Damit sich aus den Bytes ein detailgetreues Computerbild formt, sind Luftbilder und Aufnahmen einzelner Gebäude einzuarbeiten. Der Lohn: Offenbach in 3D; aber wie gesagt: nur für einzelne Projekte, beziehungsweise Plätze oder Straßen. Damit könnte Horst Schneider eine seiner Visionen zumindest auf den städtischen Rechnern entstehen lassen: Die Öffnung der Stadt von der Herrnstraße zum Mainufer; ohne den begrenzenden Hochwasserschutz, der einem mobilen System weichen soll, dafür mit einer Bewirtschaftung. Bis das soweit ist, können Offenbacher ab kommender Woche einen 3D-Spaziergangüber den Wilhelmsplatz machen.

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