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Kritik für Freigabe von Einbahnstraßen für Radler

Offenbach - Offenbach als Radfahrparadies? Sicher nicht. Aber mit Mosaiksteinchen will die Verwaltung den Weg ebnen. Schon länger gibt es eine Meldeplattform Radverkehr; ein Radroutenplaner für Schüler kam kürzlich hinzu. Von Martin Kuhn 

Zirka 45 Einbahnstraßenabschnitte sind in Offenbach bereits für den Radverkehr freigegeben. Die Öffnung weiterer 35 Einbahnstraßen für Radler in der Kernstadt folgen mit einer Förderung durch die Klimaschutzinitiative des Bundes.

Jetzt folgen weitere 35 Einbahnstraßen, die für Radler freigegeben werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: Bei geöffneten Einbahnstraßen vermeiden Pedaltreter Umwege und nutzen statt stark frequentierter Haupt- die verkehrsärmeren Nebenstraßen. Das macht das Radfahren attraktiv. Allerdings sind Ängste zu nehmen – gerade in Sachen Unfallgefahr. Dabei hat die Bundesanstalt für Straßenwesen nachgewiesen, dass die Verkehrssicherheit bei Einbahnstraßenfreigabe zunimmt. Dennoch wird es in Offenbach sicher (erneut) zu Irritationen kommen.

In dieser Woche haben die Arbeiten für die Freigabe von weiteren 35 Einbahnstraßen für den Radverkehr in beide Fahrtrichtungen begonnen – im westlichen Nordend und im Mathildenviertel. Die umfassende städtische Euphorie teilt Peter Ambros nicht, im Gegenteil. „Wir sind entsetzt“, sagt der Vorsitzende der Bürgerinitiative östliche Innenstadt und nennt ein konkretes Beispiel: „Unmöglich und völlig unverantwortlich ist diese Maßnahme in der Ziegelstraße.“

Diese Straße habe eine Fahrbahnbreite, die gerade noch für Autos und Transporter befahrbar sei. Dort einen Radfahrstreifen gegen die Fahrtrichtung einzurichten, zeuge von „völliger Unkenntnis der Lage. Es ist einfach kein Platz vorhanden“. Ambros stellt sich die Frage, welche Haftung im Falle eines Unfalls greift. Der streitbare Vorsitzende führt in einer Mitteilung aus: „Gern wird man dem Autofahrer die Schuld geben, weil das politisch korrekt erscheint. Es kann jedoch auch die Frage auftauchen, ob nicht die Stadtverwaltung in Kenntnis der Lage fahrlässig oder sogar vorsätzlich handelt.“ Die Bürgerinitiative bittet daher, die „Fehlleistung“ unverzüglich zu korrigieren.

Bereits vor zwei Jahren hatte Offenbach zusätzlich zu den 15 schon geöffneten Einbahnstraßen 30 weitere Abschnitte im Nordend, in Bürgel, am Buchhügel und auf der Rosenhöhe für den Radverkehr freigegeben. Mit Abschluss der aktuellen Arbeiten werden 80 Abschnitte in den etwa 130 Offenbacher Einbahnstraßen für Radler befahrbar sein. Ziel ist die Freigabe von ungefähr 100 Einbahnstraßen. Die restlichen 30 Abschnitte sollen dauerhaft für Radler Einbahnstraßen bleiben. Laut Radverkehrsplaner Rolf Schmidt eignen sich nicht alle Einbahnstraßen für eine Freigabe – aufgrund ihrer Breite oder der gebotenen Verkehrssicherheit.

Rücksichtnahme sei wichtig

„Damit Sicherheit und Übersichtlichkeit gewährleistet bleiben, werden über die vorgeschriebenen Verkehrszeichen hinaus ergänzende Beschilderungs-, Markierungs- und Leitlösungen angebracht“, sagt Schmidt. „An Knotenpunkten mit Ampeln werden diese mit Signalgebern für Radfahrer ergänzt.“ Also ist der reguläre Schutz doch nicht ausreichend. „Doch! Auch in Offenbach gab es entgegen geäußerten Befürchtungen nach Angaben der Polizei bislang keine Unfälle mit Radfahrern, welche die freigegebenen Einbahnstraßen regelkonform in Gegenrichtung benutzten.“

Um dies weiter zu gewährleisten, sollten alle Verkehrsteilnehmer die für Radfahrer freigegebenen Pisten „wie eine normale Straße“ betrachten. Für viele ist das vermutlich fern der Realität, aber Schmidt appelliert: „Nehmen Sie Rücksicht!“ Das sei der wichtigste, nämlich der erste Paragraf der Straßenverkehrsordnung.

Dies ist allerdings nicht als Freibrief zu verstehen. „Das bedeutet für Rad- und Autofahrer gleichermaßen, dass sie die Verkehrsregeln beachten müssen: Rechts fahren, keine Linkskurven schneiden, den Gegenverkehr vor dem Abbiegen durchlassen, die Vorfahrtsregeln beachten.“

Das alles gehört zum Projekt „Maßnahmen zur Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur in der Kernstadt Offenbach“ des Bundesumweltministeriums. Das Projekt mit einer Laufzeit von maximal zwei Jahren startete im November 2014.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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