Sozialbericht 2013

Jedes dritte Kind arm

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Offenbach - Stadt legt den Sozialbericht 2013 vor und konstatiert eine „stabile Situation“. Zu erkennen sind Auswirkungen der Zuwanderung aus EU. Auch Altersarmut und Wohnungslosigkeit steigen an.  Von Thomas Kirstein 

Die Zahl der Sozialhilfeempfänger in Offenbachs stieg 2013 nach einigen rückläufigen Jahren wieder – um 643 Personen auf 19 326. Das ist indes noch keine Größenordnung, welche die Einschätzung der Verantwortlichen erschüttern könnte: Die soziale Situation in der Stadt zeige sich stabil, befindet Sozialdezernent und Kämmerer Dr. Felix Schwenke zum jetzt vorgelegten „Sozialbericht 2013“. Dieser mache die Probleme deutlich, zeige aber auch, dass die ortsnahe Sozialpolitik funktioniere und Menschen in Not nach dem Handlungsprinzip „Fördern und Fordern“ wirksam geholfen werde. 97 Millionen Euro, 6,4 Prozent mehr als 2014, hat Offenbach 2013 für Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II aufgewendet, fast die Hälfte davon für Miete und Heizung. Pro sogenannter Bedarfsgemeinschaft (BG) werden durchschnittlich 918 Euro im Monat ausgezahlt. Hessenweit betrachtet fällt Offenbach nach der Aufarbeitung in mehrerer Beziehung eine besondere Position zu: Nirgendwo sonst im Bundesland sind diese Bedarfsgemeinschaften so vielköpfig, nirgendwo sind mehr ganze Familien zu betreuen. Dr. Matthias Schulze-Böing, der Chef der städtischen Hartz-IV-GmbH Mainarbeit, zieht den Vergleich zu Frankfurt: dort 1,8 Personen pro BG, hier 2,2. Der hessische Mittelwert beträgt 1,97.

Die überdurchschnittliche Zahl bedürftiger Großfamilien bewirkt denn auch einen weiterhin Besorgnis erregenden Prozentsatz: 30 Prozent der Kinder in Offenbach leben von Hartz IV – und damit praktisch in Armut. Den inzwischen auch als Kassenwart tätigen Sozialdezernenten Schwenke beruhigt in diesem Zusammenhang, dass der Bund die Kosten des Bildungs- und Teilhabepakets für bedürftige Kinder- und Jugendliche komplett übernimmt. Ein hoher Anteil von 72 Prozent der Berechtigten, sagte er gestern, nehme die Leistungen in Anspruch. Für den generellen Anstieg der Hilfsempfänger machen der Sozialdezernent und sein Arbeitsförderer Schulze-Böing Faktoren verantwortlich, die von keiner Kommunalpolitik zu beeinflussen seien: Neben der in der ganzen Region verhaltenen Entwicklung am Arbeitsmarkt sei das die Zuwanderung von Menschen aus dem Südosten und anderen Krisenländern der Europäischen Union.

„Keine auffälligen Strukturverschiebungen“

Diese Leute verschärften zum einen die Konkurrenz um offene Stellen und seien zum anderen inzwischen „in den Sozialsystemen angekommen“. Allerdings nicht in so dramatischem Umfang, wie es einst befürchtet wurde. Kein Drama, aber ein weiteres ernst zu nehmendes Problem, sagt Felix Schwenke. Matthias Schulze-Böing kann eine ausgeprägte Zuwanderung, aber „keine auffälligen Strukturverschiebungen“ erkennen. Die Gesamtquote der Hartz-IV-Empfänger unter den für den Sozialbericht maßgeblichen 126 534 Einwohnern Offenbachs beläuft sich auf 18,3 Prozent. Für alle Ausländer beträgt die Quote 23% (=9113), für die Deutschen 15,4% (=10 137). Menschen aus den jüngsten EU-Beitrittsländern waren im Dezember 2013 nicht extrem anders betroffen: 19,3% (504) Bulgaren und 11,9% (386) Rumänen benötigen Stütze.

Die wirklichen Ausreißer sind Pakistaner und Afghanen, von denen mehr als die Hälfte beziehungsweise drei Viertel auf Unterstützung angewiesen sind. Über dem statistischen Ausländer-Mittel liegen auch Marokkaner (44,8%), Türken (33,3%) und Italiener (26,4%). Als Offenbacher Besonderheit gilt den Verantwortlichen ein hoher Anteil von Menschen unter den Hilfsempfängern, die einer geregelten Arbeit nachgehen. Ein Drittel der vom Sozialgesetzbuch II Bedachten erhält ergänzende Leistung, weil das Einkommen entweder durch zu geringen Stundenlohn oder zu wenige Arbeitsstunden nicht ausreicht. Matthias Schulze-Böing sieht eine Herausforderung für die Mainarbeit: Die Leute müssen für besser bezahlte Jobs besser qualifiziert werden.

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Auch die demografische Entwicklung schlägt sich nieder. Immer mehr alte und erwerbsgeminderte Menschen (jetzt 3371) brauchen die Grundsicherung – für die zwölf Millionen Euro muss ab diesem Jahr aber die Stadt nicht mehr aufkommen. An ihr bleiben jedoch 15 Millionen anderweitige Hilfsleistungen hängen. Erstmals widmet sich der Sozialbericht der Wohnungslosigkeit: Die nimmt zu, weil von der Stadt in Hotels oder Notunterkünften untergebrachte Menschen (pro Monat an die 400) immer schwerer eine neue Dauerbleibe finden.

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