Stadt voller Gegensätze

Station in einem Offenbacher Hinterhof: Loimi Brautmann zeigte eine Stadt mit vielen verborgenen Ecken und interessanten Geschichten.

Offenbach - Die Tour startete am Hauptbahnhof, in dem sich der „Architektursommer Rhein-Main“ eine temporäre Lounge als künstlerisches Zentrum eingerichtet hat. Von Claus Wolfschlag

Loimi Brautmann hatte das Motto seiner Tour recht frei mit dem Titel „Quadrat/Dreieck/Kreis oder: Wer wohnt wo wie?“ umschrieben. Für die 15-köpfige Fahrradgruppe entwickelte sich daraus ein zwar in der Route geplanter, aber mit überraschenden Begebenheiten reicher „Roadtrip“ durch Offenbachs Süden.

Die erste Station war das ehemalige Roland-Areal an der Senefelderstraße. Brautmann brachte die Nachkriegs-Architektur in Verbindung zu einem Gespräch, das er einmal mit der Inhaberin des Blumenladens Elsässer an der Waldstraße führt. Er berichtete davon, dass die rüstige ältere Dame das Quartier, in dem sie aufgewachsen war, immer noch meide, weil es sie so schmerzhaft an die Bombenangriffe des Weltkriegs erinnere. Viele Stunden hatte sie im dortigen Herrmann-Bunker durchgestanden. Weiter ging die Fahrt zum Starkenburgring, der in der wilhelminischen Ära dem Frankfurter Festungsring nachempfunden worden war. Hochwertiges Wohnen in eleganten Jugendstilbauten wurde dort damals ermöglicht.

Tipps gegen Tauben und Holundersirup

Vorbei am Stadtkrankenhaus in Richtung Süden, konnten Nachkriegs-Wandmalereien des Offenbachers Adolf Bode an einigen Siedlungshäusern bewundert werden. Vor dem Überqueren des Odenwaldrings meinte dann eine auf Eile bedachte Teilnehmerin, dass man getrost bei „Rot“ über die Ampel radeln solle, denn eine ganze Gruppe würde schon nicht überfahren. Brautmann wiegelte ab: „Sie wissen, was auswärts das Kennzeichen OF bedeutet...“

Also ging es nur sicher bei „Grün“ nach Lauterborn, das so viel wie „saubere Quelle“ bedeutet. Punkthochhäuser, die grüne John-F.-Kennedy-Promenade und einige kleine Ein-Familien-Musterbauten des bekannten Architekten Egon Eiermann zeigten das Bild einer in Funktionsbereiche unterteilten Stadtplanung. Der Lärm von über die Köpfe düsenden Flugzeugen im Landeanflug gehörte fortan zum ständigen Begleiter der Tour und zwang Brautmann mehrfach zu stimmlicher Hochleistung. Vorbei an der 1953 für Heimatvertriebene erbauten Carl-Ulrich-Siedlung ging es zu den Hochhäusern an der Neusalzer Straße. Ein Regenschauer setzte ein und Mitradlerin Gisela Kramm, die just dort ihre Wohnung hat, lud die Gruppe spontan in die eigenen vier Wände. Zu Tipps zur besseren Taubenbekämpfung reichte sie frischen Holundersirup. Die aggressive Stimmung vergangener Jahre hätte sich im Quartier verbessert, wusste Kramm zu berichten. Früher hätte es noch Eigentümerversammlungen mit Todesdrohungen gegeben. Mittlerweile sei auch durch ständige Hausmeisterpräsenz eine friedlichere Stimmung eingezogen. Nur Silvester verbringt Kramm dann lieber doch in ihrer Frankfurter Zweitwohnung.

Ausgesprochen Grün in den Außenbezirken

Nachdem sich der Regen gelegt hatte, ging es weiter nach Tempelsee, das eigentlich „Tümpelsee“ heißen müsste, da gar kein Tempel Namensgeber war. Brautmann erzählte gerade am Hainbach vom einstigen Kalkwerk, als die Gruppe von einer Passantin lautstark als „Arschlöcher“ beschimpft wurde. Die Dame hatte nämlich durch die vielen Fahrräder bedingt einen leichten Schlenker auf dem Gehweg machen müssen.

Brautmann blieb gelassen und erläuterte: „Offenbach ist ausgesprochen grün in seinen Außenbezirken.“ Um dies zu untermauern, führte die Tour nun über den Park am Gersprenzweg und dem Wetterpark bis zur Grünanlage des Altenheims am Hessenring. In einem Hinterhof der Bachstraße berichtete Brautmann von der dort einst ansässigen Künstlergruppe um Adolf Bode und Erich Martin, während ein erstaunter Anwohner die Radler aus seinem Erdgeschossfenster musterte. Vor dem nahen Fußgängertunnel der Bahntrasse lies es sich ein Trinkhallengast nicht nehmen, jedem durchfahrenden Radler einzeln ein „Absteigen!“ entgegenzubrüllen. Seine Bekannte rief ihm lachend vom Tresen zu: „Die hören gar nicht auf Dich!“ Damit hatte sie recht, denn Loimi Brautmann hatte an diesem Nachmittag das Sagen.

Ohne Clash und mit viel positiver Resonanz

Und er ermahnte die Mitradler nach der Durchquerung der prächtigen gründerzeitlichen Krafftstraße, unbedingt mal beim nahen italienischen Lebensmittelhändler „Da Angelo“ vorbei zu schauen. Soviel „Product-Placement“ sollte auf dieser Tour erlaubt sein, dachte er sicher und lud die Gruppe danach zur Belohnung in seinen gemütlichen heimischen Hinterhof in der Austraße. Vier Jahre lebe er bereits dort, bekannte er, und der Stadtteil hätte sich seitdem gemausert. Zugleich sei das Ostend auch ein Gebiet der Parallelwelten. Nebenan hielten sich häufig ganze Roma-Clans auf, teils auf der Durchreise aus Frankreich. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite habe hingegen HfG-Professor Heiner Blum sein sorgsam restauriertes Gründerzeithaus bezogen. Einige Meter weiter ist ein Gebäude komplett von ehemaligen Lohwäldlern bewohnt, die laut Meinung von Anwohnern für den „permanenten Clash“ im Viertel mitverantwortlich sind.

Ohne Clash und mit viel positiver Resonanz endete bei wieder einsetzendem Regen die Fahrradtour durch unterschiedlichste Offenbacher Lebensräume schließlich am relativ neuen Gründerzentrum „Ostpol“.

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