Beim AWO-Erzählcafé

Stadtarchivar betrachtet Offenbacher Industriesterben

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In den Hochzeiten der 1862 gegründeten Firma Collet & Engelhard entstanden am damaligen Offenbacher Stadtrand Werkzeugmaschinen in Serienproduktion. Bohr- und Fräsmaschinen, Nietpressen, Walzen, Stanzen) in großer Stückzahl. 1971 beschlossen die Gesellschafter die Schließung, 800 Mitarbeiter verloren ihre Stellen. In den 90er Jahren übernahm die Bahn das geräumte, inzwischen an der Berliner Straße liegende, noch nicht neu bebaute Teilstück östlich des Goetherings, um dort die Baustelleneinrichtung für die S-Bahn unterzubringen. Vor fünf Jahren von Altlasten befreit, soll dort ein Komplex von 350 Wohnungen entstehen.

offenbach - Man arbeitete „beim Collet“ oder in der MSO, bei Schlesinger, Karl Seeger oder Heyne. Diese Firmen gibt es längst nicht mehr, aber ihre Namen sind Offenbachern durchaus noch vertraut. Am Mittwoch zeigte sich das im Erzählcafé der AWO. Von Lothar R. Braun 

Die Gäste waren ins Else-Herrmann-Haus gekommen, um mit dem ehemaligen Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel Erinnerungen an die einstige Industriestadt Offenbach auszutauschen. Viele Menschen wissen von Offenbach als dem einstigen Zentrum der Leder erzeugenden und verarbeitenden Industrie. Bis zu 400 Betriebe lebten einmal davon. Schon weniger weiß man von Offenbach als Zentrum einer Schuhproduktion. Manche haben noch den Geruch der Chemiefabriken in der Nase. Im Else-Herrmann-Haus aber rankten sich die meisten Gästeerinnerungen um Metallbetriebe.

Kurt Henninger ist der zweite Vorsitzende der Offenbacher Arbeiterwohlfahrt. Er zeigte in seiner Begrüßung an, wie im alten Offenbach die Melodie der Wirtschaft klang: „Bei Lavis hat’s gedonnert und gedröhnt, bei Heyne hat’s geklimpert.“ Lavis nämlich machte seine Umsätze mit oft gigantischen Stahlbauteilen für Brücken und Kraftwerke, Heyne hingegen mit der Fertigung von meist kleinteiligen Präzisions-Drehteilen.

Wie das alles aufblühte und seit den 1950er Jahren nach und nach erlosch, zeigte Ruppel mit zahlreichen Illustrationen wie eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert. Wobei Moderator Karl-Heinz Stier seine Gäste immer wieder ermunterte, Ruppels Vortrag mit eigenen Erinnerungen anzureichern. Zu reden war beispielsweise vom Lederwarenhersteller Rügner, der sich einen eigenen Krokodilfänger in Afrika leistete. Noch einmal wurde daran erinnert, dass an der Berliner Straße einst eine Gewürzmühle namens Atlanta die Offenbacher Luft mit den Düften eines orientalischen Basars bereicherte.

Die Köpfe der Wirtschaft in Stadt und Kreis Offenbach

Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts klang an, als von der Pelzfabrik Thorer und dem Lederwarenhersteller Mädler zu sprechen war. Beide waren vor dem Krieg in Leipzig Leuchttürme mit internationaler Strahlkraft und wagten nach der Enteignung im russisch besetzten Osten einen neuen Start in Offenbach.

Hartmann, Rowenta, Fredenhagen, Stöhr oder Gold-Pfeil sind nur einige weitere Firmen, die im alten Offenbach glänzten. Im Erzählcafé wurde deutlich, welche Rolle sie im Leben der Stadt und ihrer Bewohner ausfüllten.

Sie leuchteten in einer Zeit, in der das Rathaus den Offenbacher Maler und Bildhauer Ludwig Plaueln beauftragte, an den Stadteinfahrten Skulpturen aufzustellen, die zum einen an Stadttore erinnerten, zum anderen mit der Aufschrift „Industriestadt Offenbach“ protzten. Es war in den 1960er Jahren, als man auf den diesen Titel richtig stolz war.

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