Rasante Entwicklung im Nordend

Grenze an Goetheschule ist längst überschritten

+
Michael Groß, Schulleiterin Gabriele Schranz und Katja Werner vor dem proppevollen Klassenplan der Goetheschule

Offenbach - 650 Schüler, zwei siebenzügige Jahrgänge, zwei Vorklassen. Die Goetheschule im Nordend ist Offenbachs größte Grundschule. Seit Jahren wächst die Schülerzahl – im Gegensatz zum Gebäude. Das hat seine Kapazitätsgrenzen längst überschritten. Von Veronika Szeherova

„Irgendwie ging es bisher“ sagt Schulleiterin Gabriele Schranz. Doch künftig möchte sie das Wort „irgendwie“ streichen. „Wir brauchen Planungssicherheit. “.

Eine Entlastung zeichnet sich bisher nicht ab. Im Gegenteil. Denn was Politiker in Freudentaumel versetzt, bereitet Schulleitung, Lehrern und vielen Eltern Sorgen – die rasante Stadtentwicklung im Nordend. Im Hafengebiet sollen bereits ab März 180 neue Wohnungen bezugsfertig sein, im Jahr darauf nochmal 150. Bis Ende 2014 kommen 88 Wohnungen des „Luisenhofs“ hinzu. Zusätzlich soll bis Ende 2015 das manroland-Gelände mit 168 Wohnungen bebaut werden.

Rasante Stadtentwicklung im Nordend

„Wenn wir von Herbst 2015 ausgehen, werden bei Vollbezug 586 neue Wohnungen bezogen sein“, sagt Katja Werner, Leiterin des Elternprojekts der Goetheschule. Sie rechnet vor: „Wenn nur in einem Drittel dieser Wohnungen auch nur ein Kind mit einzieht, sind es 195 neue Kinder. Wenn nur die Hälfte von ihnen Grundschulkinder sind, sind mindestens vier weitere Grundschulklassen erforderlich.“ Für die Einrichtung an der Bernardstraße sei dies nicht zu stemmen.

Die Grundschule am Hafen, die Entlastung verspricht, soll frühestens 2017 fertig sein. Andere innerstädtische Grundschulen platzen wie die Goetheschule aus allen Nähten. „Die Hafenschule ist fünfzügig zu klein geplant“, befürchtet Werner.

„Wir haben jetzt schon keinen einzigen Fachraum mehr, bis auf den Musikraum, der gleichzeitig als Veranstaltungsraum und Aula dient“, berichtet Schranz. Die Klassen sind an der höchsten Kapazitätsgrenze. Es ist nicht ein einziger Raum übrig, den Schüler oder Lehrer als Rückzugsort nutzen könnten. Für die Pädagogen gibt es ein Lehrerzimmer, das meist sehr voll sei. „Einen Ort für ungestörte Gespräche zwischen Kollegen oder mit den Eltern gibt es nicht“, bedauert die Schulleiterin. Wenn Schüler da sind, sei zudem der Lautstärkepegel in den alten, ungedämmten Räumen sehr hoch. „Eine Renovierung ist dringend notwendig.“

Container-Lösung ist nicht machbar

Das Platzproblem wäre damit auch nicht gelöst. Darüber zerbrechen sich Schranz, Werner und Michael Groß, Vorsitzender des Schulelternbeirats, bereits seit langem den Kopf. „Schuldezernent Felix Schwenke hatte vorgeschlagen, übergangsweise Container am Hafengelände aufzustellen“, erzählt Werner. Doch es scheiterte daran, dass keine Fläche frei, der Untergrund belastet war und die Kosten zu hoch waren. Auch eine Container-Lösung auf dem eigenen Schulhof ist undenkbar – mangels Platz.

Als Not-Szenario für „überzählige“ Schüler zeichnete sich im vergangenen Jahr ein Bustransfer zur weit entfernten Anne-Frank-Schule ab. „Wir hatten Gespräche mit den Eltern, versuchten, Fragen zu klären, doch zu viel blieb offen“, erinnert sich Groß. „Wer trägt Sorge, dass die Kinder wirklich in den Bus steigen? Wo essen sie zu Mittag, wo werden sie betreut?“ Die Anne-Frank-Schule habe ein ganz anderes Konzept der Nachmittagsbetreuung als die Goetheschule, was weitere organisatorische Probleme mit sich brächte. Viele Goetheschüler stammen zudem aus bildungsfernen Familien, haben einen erhöhten Förderungsbedarf. „Die Eltern haben nicht verstanden, warum die Auslagerung ausgerechnet ihr Kind betrifft. Aber der Kelch ging zum Glück an uns vorüber“, so Schranz.

Kinder müssen untergebracht werden

Eine große Schwierigkeit seien Sprachbarrieren gewesen – die meisten Eltern hätten mit der „städtischen Mitteilung in Beamtendeutsch“ nichts anfangen können. „Wir brauchen einen irren Vorlauf, da wir in mehreren Sprachen arbeiten“, erklärt Werner. „Da können wir keine vagen Vermutungen transportieren.“ Die Schule brauche konkrete, machbare Lösungen, um den durch Zuzug – auch aus Südosteuropa – steigenden Schülerzahlen gerecht zu werden. Werner: „Man kann doch keine Stadtentwicklung betreiben, ohne dafür zu sorgen, dass die Kinder untergebracht werden.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare