Stadtväter mit Weitblick

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Das 1902 erbaute Wasserwerk Hintermark liegt mitten im Wald. Das Gebäude für das Pumpwerk ist aus Backstein gemauert, der von großen oben abgerundeten Fenstern durchbrochen wird.

Offenbach ‐ Wasserknappheit und Wasserverschmutzung - das war noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts Realität in vielen deutschen Großstädten. Nicht so in Offenbach. Dessen Stadtväter bewiesen Weitblick beim Bau einer zentralen Wasserversorgung: Anstelle von Flusswasser gaben sie dem reineren Quell- und Grundwasser den Vorzug. Und das schon vor 150 Jahren. Von Olaf Zimmermann

Noch heute erhalten die Offenbacher ihr Trinkwasser auf diesem Weg. Dafür sorgt die Energieversorgung Offenbach (EVO). Das wertvolle Nass beziehen die EVO vom Zweckverband Wasserversorgung für Stadt und Kreis Offenbach (ZWO), der 115 Brunnen und sechs Wasserwerke in der Region betreibt. Die große Zahl an Brunnen, aus denen das Wasser aus einer Tiefe zwischen 10 und 75 Metern gefördert wird, ermöglicht eine nachhaltige Bewirtschaftung der Grundwasservorräte. Zugleich betreibt der Zweckverband vorbeugenden Grundwasserschutz zusammen mit den Landwirten der Region. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe berät und kontrolliert die Düngung der Äcker und Felder.

Sauberes Trinkwasser war schon den Stadtoberhäuptern Offenbachs wichtig, als sie am 1. September 1851 den Bau einer zentralen Wasserversorgung beschlossen. Damit gehörte Offenbach mit zu den ersten Städten Deutschlands, die hohe Anforderungen an die Qualität des Wassers erhoben und Hygienestandards setzten. Denn sie präferierten von Anfang an Quell- und Grundwasser, das im Frühsommer 1859 erstmals aus der neuen Leitung sprudelte.

Chemotechnikerin Bradiza Gojkovic prüft regelmäßig die Trinkwasserqualität.

Mit ständigen Kontrollen wird heutzutage die Wasserqualität gesichert - unter anderem im Labor des ZWO. Dort untersuchen Mitarbeiter das Lebensmittel auf Pflanzenschutzmittel und Bakterien, prüfen Nitrat- und Eisenwerte. Alle Messergebnisse liegen dabei weit unter den gesetzlichen Grenzwerten. Aber auch die EVO analysiert in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt Offenbach regelmäßig die Trinkwasserqualität im Netz und nimmt alle drei Monate 16 Proben im Stadtgebiet. Hinzu kommen vierzehntägige Kontrollen im Wasserhochbehälter auf dem Bieberer Berg. „Trinkwasser ist unser wichtigstes Lebensmittel und durch keine andere Substanz zu ersetzen“, sagt der Leiter des Gesundheitsamts, Dr. Michael Maiwald. Um die Qualität dauerhaft zu sichern, sei Trinkwasser deshalb das am besten und häufigsten kontrollierte Lebensmittel.

In ihren Anfangszeiten speiste sie 33 öffentliche Brunnen

Dem Offenbacher Wasser attestiert der Amtsleiter Bestnoten. „Das Offenbacher Wasser hat eine einwandfreie und hervorragende Trinkwasserqualität“, sagt Maiwald. Weder beinhalte es irgendwelche Zusätze, noch müsse es aus hygienischen Gründen gechlort werden. Zudem könne das Wasser auch bedenkenlos für die Zubereitung von Säuglingsnahrung verwendet werden.

Die Fachleute der EVO halten ein rund 420 Kilometer langes Rohrleitungssystem für rund 161.000 Verbraucher in Offenbach, Dietzenbach und Mainhausen instand. In seinem Gründungsjahr waren es gerade einmal drei Kilometer, über die rund 15.000 Menschen in Offenbach mit frischem Trinkwasser versorgt wurden - und zwar aus der Quelle Kalte Klinge, die zu einem Wasserreservoir ausgebaut worden war. Von dort verlief die Leitung über das Feld zur Senefelder Straße und endete in der Waldstraße. In ihren Anfangszeiten speiste sie 33 öffentliche Brunnen.

Einwandfrei und von hervorragender Qualität: Trinkwasser in Offenbach.

Mit der ständig wachsenden Bevölkerung wuchs auch der Bedarf an Wasser. Und schon bald herrschte wieder Wassernot in den Häusern und Industriebetrieben der Stadt mit seinen nunmehr 50 000 Einwohnern. Nach neuen Lösungen wurde gesucht, neue Grundwasserquellen erschlossen. Die fortschreitende Technisierung brachte Pumpen hervor, die in immer größeren Mengen Wasser aus der Tiefe fördern konnten. Im Jahr 1902 wurde das Wasserwerk „Hintermark“ in Betrieb genommen, das die Versorgung der gesamten Stadt übernahm. Der ZWO betreibt gegenwärtig sechs Wasserwerke, von denen - mit gewissen Umstellungen im Netz - nahezu jedes Werk in jeden Teil des Versorgungsgebietes fördern kann. Dies sorgt für eine hohe Versorgungssicherheit der angeschlossenen Bevölkerung in den Kommunen.

Wasserturm in Bieber ist Herzstück für die Steuerung

Jeder Offenbacher verbrauchte 2008 durchschnittlich 117 Liter Trinkwasser am Tag. 2001 waren es noch 126 Liter. Der auch bundesweit zu beobachtende Rückgang ist eine Folge des sparsameren Umgangs mit Trinkwasser durch die Verbraucher und des Einsatzes von modernen, wassersparenden Haushaltsgeräten. Durch den Einsatz neuer Techniken ging der Wasserverbrauch bei Handel und Gewerbe ebenfalls deutlich zurück. Ihr Wasserbedarf reduzierte sich von 2001 bis 2008 um 27 Prozent - das entspricht einer Einsparung von 435.000 Kubikmeter Wasser.

Der Wasserturm auf dem Bieberer Berg mit seinen beiden Kammern und einem Fassungsvermögen von jeweils 7500 Kubikmetern bildet das Herzstück für die Steuerung der Trinkwasserversorgung in Offenbach. Von dort aus wird nicht nur das Trinkwasser ins lokale Netz eingespeist, durch den Höhenunterschied zur tiefer gelegenen Stadt sorgen die Wassermassen in den Hochbehältern auch für den notwendigen Druck, damit immer genügend Nass aus dem Wasserhahn sprudelt.

Der sanfte Druck bekommt auch dem Offenbacher Leitungsnetz. Er ist ein Grund, warum nur sehr wenige Rohrbrüche zu beklagen sind. Generell liegt die Verlustquote im Netz bei weniger als drei Prozent. Dafür sorgt auch die permanente Erneuerung und Modernisierung durch die EVO. Immer wenn eine Straße aufgerissen wird, kontrollieren Fachleute das Rohrleitungsnetz. Wo nötig, werden alte oder störungsanfällige Leitungen ausgetauscht.

Konsequente Erneuerung und Modernisierung

Doch das Leitungsnetz dient nicht nur der reibungslosen Trinkwasserversorgung, sondern ist auch ein wichtiger Bestandteil für den Brandschutz: alle rund 80 Straßenmeter steht ein Hydrant, durch den die Feuerwehr im Falle eines Falles ihr Löschwasser zapft. Apropos Hydranten: Damit das Wasser im Netz nicht zum Stillstand kommt und hygienisch immer einwandfrei ist, werden alle 550 Endhydranten in Offenbach vierteljährlich gespült. Hinzu kommt eine regelmäßige und systematische Kontrolle aller Armaturen im Trinkwassernetz.

Durch die konsequente Erneuerung und Modernisierung des Wasserleitungsnetzes hat die EVO in den vergangenen Jahren Millionen Liter Trinkwasser eingespart. Damit leisten sie auch einen Beitrag zur Schonung der natürlichen Ressourcen in der Region. In Zahlen bedeutet dies: In Offenbach konnten von 2001 bis 2008 rund 13 Millionen Liter Wasser eingespart werden, die ohne die Erneuerung des Leitungsnetzes ungenutzt im Erdreich versickert wären.

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