SOH trennt sich von Lampmann

Der nächste Kopf rollt

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Offenbach - Er betrachte sich als handlungsfähig und wolle handlungsfähig bleiben. Und er ergänzte: „Ich werde gegenüber der Politik um meine Handlungsfähigkeit kämpfen.“ So äußerte sich Volker Lampmann noch vor wenigen Tagen im Gespräch mit unserer Zeitung. Von Fabian El Cheikh

Die Entscheidung, die zu diesem Zeitpunkt offenbar schon hinter den Kulissen gefallen war, wurde gestern mit Beschluss des Magistrats offiziell: Die Stadtwerke Offenbach Holding (SOH) trennt sich mit sofortiger Wirkung vom Geschäftsführer der Offenbacher Verkehrs-Betriebe (OVB) – Lampmann setzte sich am Ende nicht durch.

Sie soll’s ab sofort richten bei den Verkehrs-Betrieben und wird den Betrieb erstmal befrieden müssen: Die 45-jährige Anja Georgi, die weiterhin auch die Gesellschaft NiO leitet.   

Von uns bereits in der vergangenen Woche auf die Personalie Lampmann angesprochen, wollte sich Peter Schneider, Verkehrsdezernent und Vorsitzender des OVB-Aufsichtsrats, mit Verweis auf die gestrige Entscheidung des Magistrats nicht äußern. Stattdessen ging gestern eine Stellungnahme der Stadtwerke ein, in der es heißt, man trenne sich „einvernehmlich und auf beiderseitigen Wunsch“ zum 30. April. Neue Geschäftsführerin ist in Personalunion und mit sofortiger Wirkung die Chefin der Gesellschaft Nahverkehr in Offenbach (NiO), Anja Georgi . Lampmann, dessen Vertrag eigentlich noch ein knappes Jahr lief, hat die hundertprozentige SOH-Tochter neun Jahre lang geleitet. Der in der Branche anerkannte Nahverkehrsexperte ist Architekt des nicht unumstrittenen Unternehmensumbaus, der 2004 die Gründung der Main-Mobil-Töchter Offenbach und Frankfurt zur Folge hatte. Deren Busfahrer müssen länger arbeiten als die OVB-Kollegen, verdienen aber tariflich rund 35 Prozent weniger. „Es ist verständlich, dass die deutlich geringeren Stundenlöhne nicht gerade zu Jubel führen“, zeigte der 61-Jährige noch vor einer Woche Verständnis für das Empfinden vieler Mitarbeiter, ungerecht behandelt zu werden.

Im Betrieb knirscht es

Tatsächlich knirscht es im Betrieb seit geraumer Zeit. Auch wir berichteten in der Vergangenheit von Main-Mobil-Fahrern, die teilweise bis zu 13 Stunden lange Dienste leisten mussten, aber nur acht oder neun bezahlt bekamen. Diesem Umstand geschuldet ist wohl auch das jüngste Vorgehen eines Teils der OVB-Belegschaft, der mit einer Unterschriftenliste Aufsichtsrat und Magistrat zum Handeln drängte.

Hintergrund ist eine weitere Personalie: Im Dezember wurde mit Anke Blank eine Betriebsleiterin eingestellt, die neuen Schwung und frische Ideen einbringen sollte. Sie wurde noch während der Probezeit und ihres Urlaubs wieder entlassen. „Trotz vieler guter Ansätze von Frau Blank habe ich mich entschieden, die Zusammenarbeit zu beenden, da sich trotz Bemühungen auf beiden Seiten keine vertrauensvolle Zusammenarbeit in der Geschäftsleitungsrunde entwickelt hat“, begründete Lampmann sein Vorgehen gegenüber den Mitarbeitern.

Es muss gehörig gekracht haben

Wie unabhängig davon zu hören ist, soll sich die Entlassene in entscheidenden Situationen nicht der Autorität der Geschäftsführung unterworfen haben. Es muss ordentlich gekracht haben, „zunehmend belastete die Situation auch die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat“, ließ Lampmann weiterhin seine Angestellten wissen.

In seinem Büro sitzt Volker Lampmann schon seit vergangener Woche nicht mehr. Der 61-Jährige, der zuletzt 150 000 Euro jährlich verdient hat, wird sich eine neue Aufgabe suchen müssen.

Zur Beruhigung trugen seine Erklärungen wohl nicht bei. Vielmehr brachte seine Entscheidung offenbar das Fass zum Überlaufen. In einem Brief an den Aufsichtsrat ist vom „Schock der OVB-Mitarbeiter“ die Rede und davon, dass Anke Blank für sie „die letzte Hoffnung“ gewesen sei, eine „Person des Vertrauens“, die stets ein offenes Ohr für Probleme und Sorgen gehabt habe. Davor hätten Demotivation und „Intrigen von oben“ vorgeherrscht. 116 Mitarbeiter, fast ein Drittel der Gesamtbelegschaft, unterzeichneten die Liste und stellten sich damit gegen die Geschäftsführung – anonym, weil sie, wie sie sagen, sonst mit Entlassungen und Mobbing rechnen müssten.

Laut Betriebsratsvorsitzendem Zacharias Leis ist vielen Kollegen die politische Sprengkraft dieses Briefes nicht bewusst gewesen, hätten sich nicht wenige inzwischen distanziert von ihrer zuvor geleisteten Unterschrift. „Frau Blank war ja keine vier Monate bei uns, die meisten kannten sie noch gar nicht persönlich.“ Überdies hätten vier parallel eingesetzte Teamleiter die Aufgaben der gekündigten Betriebsleiterin übernommen, „was, wie ich denke, die Mitarbeiter auch gut finden“. Zusätzlich setze sich der Betriebsrat intensiv für neue, gerechtere Dienstpläne ein, die weitestmöglich Wirtschaftlichkeit und Zufriedenheit der Busfahrer berücksichtigen sollen.

Aufgeschlitzer Reifen und Handgreiflichkeiten

In den Verlautbarungen von Stadt und SOH spielt die Personalie Blank zwar keine Rolle. Bürgermeister Peter Schneider bestätigte jedoch auf Anfrage, dass man mit ihr weiterhin im Gespräch sei. Aus Mitarbeiterkreisen ist zu hören, dass ihr die Rückkehr zur OVB angeboten worden sei. Der Betriebsrat hat damit offenbar Probleme, sieht die Vertrauensbasis und den Betriebsfrieden erschüttert. So seien infolge der Gerüchte schon einige Mitarbeiter durch die Zentrale gelaufen und hätten sich lautstark auf eine „Wiedersehensparty“ gefreut. Umgekehrt sollen einem Initiator der Unterschriftenliste die Reifen aufgeschlitzt worden sein, sei es zu Handgreiflichkeiten im Betrieb gekommen.

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Vor erheblichen Herausforderungen steht damit die neue Geschäftsführerin, Anja Georgi. Die 45-Jährige ist seit 2008 Leiterin der NiO und war zuvor Prokuristin der OVB. Sie muss den Betrieb befrieden und gleichzeitig die Weichen stellen für 2015. Dann steht die Neuvergabe der Buslinien für weitere zehn Jahre an. Die angestrebte Direktvergabe seitens der Stadt an die OVB-Enkelin ist gesetzlich zwar möglich, jedoch nur, wenn der Betrieb die Wirtschaftlichkeitskriterien bis dahin erfüllt.

Dass Georgi gleichzeitig Chefin von NiO und OVB/Main-Mobil, also von Leistungsbesteller und -ersteller, sein kann, ist laut Stadtwerke-Holding dank der Novellierungen von hessischem ÖPNV-Gesetz und Personenbeförderungsgesetz seit Anfang des Jahres möglich. Die einzelnen Organisationseinheiten müssten nach heutigem Stand wegen des „Besteller-Ersteller-Prinzips“ aber bestehen bleiben.

Lampmann wiederum wird sich für die restliche Zeit bis zur Rente nach einer neuen Tätigkeit umsehen müssen. Er ist nach Reinhard Hantl, dem früheren Geschäftsführer von EEG/GBM, bereits der zweite Geschäftsführer in der zum Sparen verdonnerten SOH-Gruppe, der innerhalb eines Monats seines Amtes enthoben wurde.

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