Städtische Betreuungslandschaft

„Wenig familienfreundlich“

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Wer seine Kinder nachmittags betreuen lassen will, hat es gerade in Bieber nicht leicht. Das Hortangebot ist beschränkt.

Offenbach - Mangels Alternativen muss Familie Wolf aus Bieber rund 430 Euro jeden Monat für die Betreuung ihrer beiden Kinder ausgeben. Ihr Beispiel zeigt, wo es in der städtischen Betreuungslandschaft klemmt. Von Veronika Schade 

Die Wolfs aus Bieber sind eine Familie, wie sie die Stadt gern mehr hätte: Die Eltern Akademiker, beide berufstätig, mit zwei Kindern im Alter von zwei und sieben Jahren. So weit, so gut? „In Sachen Familienfreundlichkeit legt sich die Stadt Offenbach nicht gerade ins Zeug“, kritisieren sie. Das Hortplatz-Angebot sei gerade in Bieber völlig unzureichend, die Stadt setze falsche Prioritäten zugunsten der U3-Betreuung. Erfahrungen, die so oder ähnlich auch andere Familien gemacht haben werden.

Ihre frisch eingeschulte Tochter bekam im einzigen Bieberer Hort in der Kita 10 an der Erich-Ollenhauer-Straße keinen Platz. „Es gibt dort nur zwölf Plätze, aber eingeschult wurden in Bieber dieses Jahr 60 Kinder“, berichtet Anja Wolf. Ferner griffen die Plätze auch für Kinder der Waldschule. Die Chancen, einen Platz zu ergattern, gingen daher gegen Null, zumal ihre Tochter nicht den dortigen Kindergarten besucht habe. „Ich habe sie vor etwa anderthalb Jahren dort angemeldet – erfolglos“, berichtet sie. Das schulische Betreuungsangebot sei ebenfalls begrenzt und komme für die Familie zeitlich nicht in Frage, weil es um 14.15 Uhr ende.

Einen Platz bekam das Mädchen schließlich bei den „Schlaubergern“, einem Nachmittagsangebot in privater Trägerschaft. „Zum Glück haben wir sie dort zeitig angemeldet, schon vor mehr als einem Jahr, sonst hätte ich aufhören müssen zu arbeiten“, so die Mutter. Ihr Sohn geht seit September in den Kindergarten „Bieberbau“, den auch schon seine Schwester besucht hat. Daher ging die Familie davon aus, für ihn als Geschwisterkind nur eine ermäßigte Gebühr zahlen zu müssen – eine Regelung, die Familien mit mehreren Kindern vor allzu hohen Betreuungskosten entlasten soll.

Lohnt sich Berufstätigkeit noch?

Doch abgebucht wird bei ihnen der volle Betrag. 430 Euro zahlen Wolfs somit jeden Monat allein für die Kinderbetreuung. „Bei den hohen Gebühren stellen sich viele Eltern die Frage, ob sich die Berufstätigkeit überhaupt noch lohnt“, monieren sie.

Anja Wolf fragte beim Eigenbetrieb Kindertagesstätten (EKO) per E-Mail nach. Sie erläuterte ihre Situation und zitierte den Passus aus der Beitragsordnung, der besagt, dass „für die Festsetzung der Ermäßigung für das zweite, dritte und weitere Kinder alle Geschwisterkinder, die Tageseinrichtungen für Kinder (Kitas) der Jugendhilfe in Offenbach besuchen sowie Geschwisterkinder in Tagespflege berücksichtigt werden“. Sie erhielt zur Antwort, sie habe die Beitragsordnung richtig zitiert – und da es sich bei den „Schlaubergern“ nicht um ein Angebot der Jugendhilfe handele (im Gegensatz zu Horten und Tagespflegepersonen), sondern um ein erweitertes schulisches Betreuungsangebot. Deshalb könne keine Geschwisterermäßigung gewährt werden.

„Das lockt keine jungen Familien nach Offenbach“

„Wir werden einfach abgebügelt und dafür gestraft, dass wir keinen Platz in einer städtischen Einrichtung erhalten haben, obwohl wir uns darum bemüht haben“, schüttelt die 39-Jährige den Kopf. „So etwas lockt keine jungen Familien nach Offenbach.“ Wolfs appellieren an die Verantwortlichen, in ganz Offenbach ausreichend Betreuungsplätze auch für Kinder über drei Jahren zur Verfügung zu stellen oder die Beitragsordnung anzupassen. „Wir sind ja sicher in dieser Situation kein Einzelfall.“

EKO-Leiter Hermann Dorenburg will den Vorwurf nicht stehen lassen, die Stadt setze beim Ausbau von Nachmittagsangeboten falsche Prioritäten zugunsten der U3-Betreuung: „Diese Prioritätensetzung wurde nicht von der Stadt Offenbach vorgenommen, sondern vom Gesetzgeber per Bundesgesetz mit der Einführung eines Rechtsanspruchs auf einen Krabbelplatz und entsprechenden Förderprogrammen.“ Trotzdem habe Offenbach in der gleichen Zeit die Hortbetreuung „massiv im Rahmen des Ganztagsklassenmodells ausgebaut“.

Klagen auf einen Kita-Platz - aber wie?

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Das strategische Ziel seien Ganztagsklassen über möglichst alle Grundschulen hinweg. „Hierbei ist die Stadt jedoch auf die Zustimmung und Kooperation der jeweiligen Schulen angewiesen“, so Dorenburg. Er räumt ein, dass die Versorgung mit Hortplätzen in Bieber und Waldhof unzureichend sei: „Beiden Schulen wurde bereits in der Vergangenheit angeboten, Ganztagsmodelle einzuführen, die Schulleitungen haben es jedoch abgelehnt.“

Er verweist auf die Möglichkeit, bei Zuteilung eines Hortplatzes in einem anderen Stadtteil die Kinder in einer anderen Grundschule einzuschulen. „In der Anne-Frank-Schule beispielsweise verfügen wir bei einem freien Träger über ausreichend Hortplätze.“ Was die Beitragsentlastungen betrifft, sei dies im Sozialgesetzbuch VIII abschließend geregelt. Dorenburg: „Es liegt nicht in der Verantwortung der Stadt Offenbach, dass dort die Anrechnung von Beiträgen für Angebote außerhalb der Jugendhilfe nicht vorgesehen ist.“

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