Vom Standbein und vom Spielbein

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20 Jahre Bleichstraße 14H, da ist mal mindestens eine Torte fällig. Die fiel zum Jubiläum wie die Gratulantenschar nicht zu knapp aus.

Offenbach - Es war der 1. August 1991, als eine Gruppe von Künstlern an der Bleichstraße Räume bezog, in denen sich früher eine Gürtelei und später der Getränkevertrieb Betz befunden hatten. „Projekt Bleichstraße 14H“ nannte sich das Kollektiv. Von Stefan Mangold

Die Adresse sollte ein Arbeitstitel sein. „Doch viele Arbeitstitel bleiben hängen“, erklärt Hans-Jürgen Herrmann. Heute führt der Name in die Irre. Denn wer ein Projekt beginnt, der stellt sich ein Ergebnis vor. Das jedoch ist offen. „Nennen wir die Zeit von damals den Beginn des kulturellen Aufbruchs in Offenbach“, sagt Ulrike Happel am Sonntag während ihrer Begrüßung, als zwei Schauspielerinnen, ein Fotograf und ein Maler das 20-jährige Jubiläum mit Freunden, Bekannten und Honoratioren feiern. „Hier könnt ihr Pause vom Wahlkampf nehmen“, bietet Happel Oberbürgermeister Horst Schneider und Bürgermeisterin Birgit Simon an.

Neun Künstler zahlten damals Miete. Übrig blieben die Schauspielerinnen Sabine Scholz und Ulrike Happel sowie der Fotodesigner Hans-Jürgen Herrmann. Der gestaltet Kataloge, Broschüren und Internetauftritte für Firmen wie Leica oder die C&L Deutsche Revision AG. Kommerzielles, das Herrmann „Standbein“ nennt. Sein Spielbein besteht unter anderem aus einem Werk, dessen Titel sich an der Überschrift einer Erzählung von Peter Weiss orientiert. „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ lautet die. Herrmann moduliert in „Der Schatten des Körpers des Fotografen“ Aufnahmen, welche die Silhouette des Betrachters einbinden.

Auf anderen Fotos Herrmanns tauchen Menschen gar nicht auf. Das verbindet ihn mit dem Maler Andreas Masche, der vor fünf Jahren sein Atelier in der Bleichstraße bezog. Masches Thema liegt auch nicht in der Natur. Organisch wirken seine Bilder dennoch, obwohl sie sich um das statische Genre der Architektur drehen. Die ehemalige Frankfurter Großmarkthalle steht in seinem großformatigen Zyklus von 2008 im Zentrum. Eine Immobilie, deren Zweck sich von der Real- in die Fiktionswirtschaft wandelt. Wo früher konkrete Salatköpfe zu präzisen Preisen die Eigentümer in den Morgenstunden wechselten, schieben die Computer der Europäischen Zentralbank bald Milliarden von Buchungsbeträgen sekündlich hin und her. Masche interessiert der Übergang.

Den Kern der Bleichstraße 14H bildet das preisgekrönte Theateratelier der Schauspielerinnen Happel und Scholz. Auf der kleinen Bühne treten auch andere Darsteller auf. Happel und Scholz spielen nicht nur Stücke wie „Entenkleider und Schwanenkinder“ nach dem Märchen „Das hässliche Entlein“ Sie bereiten ihr junges Publikum auch in deren Klassenräumen auf den Theaterbesuch vor.

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