Experten diskutieren über Gewerbeflächen in der Region

Lob für den Standort Offenbach

Offenbach - Für die Entwicklung von Offenbach sind unter anderem die Gewerbeflächen entscheidend. Doch das Angebot ist begrenzt.

Über die Probleme und eine Fusion mit Frankfurt sprach unser Redaktionsmitglied Marc Kuhn mit Frank Achenbach von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach, Gerald Tschörner vom Immobilienunternehmen Red Square aus Neu-Isenburg, Elmar Schütz von Aurelis aus Eschborn und dem Planer Stefan Kornmann von der Firma Albert Speer aus Frankfurt.

Bei der Standortumfrage der IHK wurde die Verfügbarkeit von gewerblichen Flächen und Immobilien als relativ gut bewertet. Allerdings gibt es in der Region große Unterschiede. Wo ist das Angebot gut, wo müssen die Kommunen nachbessern?

Achenbach: In Neu-Isenburg gab es große Flächenpotenziale. Die Stadt konnte das ehemalige Philipp-Holzmann-Gelände neu entwickeln. Solche großen, zusammenhängenden Flächen gibt es in Stadt und Kreis kaum noch. In Offenbach gibt es Potenziale, die wir gerade mit dem Masterplan bearbeiten. Im Osten der Stadt sind beispielsweise größere Flächen vorhanden, rund um die Mühlheimer Straße, Siemensstraße, den einstigen Güterbahnhof und das Allessa-Gelände. Vielfach geht es in der Region Offenbach um kleinere Flächen in bestehenden Gewerbegebieten und um brachliegende Flächen, die entwickelt und vermarktet werden können.

Konkret?

Achenbach: Da gibt es einige in der Region. Langen ist aktuell sehr aktiv dabei, ein Technologiezentrum auf einer Brachfläche zu entwickeln. Auch Dietzenbach hat sicherlich noch größere Flächenpotenziale.

Herr Tschörner, wie sieht es aus Ihrer Sicht mit Gewerbeflächen in der Region aus?

Tschörner: Es gibt Flächen, die aber nicht zur Nachfrage passen. Der Kreis teilt sich in zwei qualitative Segmente. Zum einen geht es um den Bedarf an Büroflächen. Das Angebot ist geringer als bei den Logistikflächen. Dies ist eine zweite große Bedarfsschiene, die andere Standorte nachfragt. Dietzenbach, Heusenstamm, Weiskirchen - dort gibt es Flächen, die sind gut für Logistikbetriebe. Auch der Offenbacher Osten ist dafür geeignet. Das Problem: Die Wertschöpfung für Büroflächen ist viel größer. Der Preis liegt bei 300 bis 350 Euro pro Quadratmeter Grundstücksfläche. Bei Logistikflächen hört der Preis bei 150 Euro auf. Bürobedarf gibt es heute fast nur noch in Neu-Isenburg. Sprendlingen und Langen steigen stark ab. Der Trend in den vergangenen 20 Jahren ist eindeutig: Es gibt eine Konzentration der Firmen um den Flughafen. Für den Rest des Kreises bleiben nur Flächen für den Mittelstand und Logistik übrig. Neue produzierende Unternehmen gibt es praktisch nicht mehr. Deshalb muss die Politik stark auf Bestandspflege setzen, um die Firmen zu halten.

Herr Schütz, ihr Unternehmen, Aurelis, ist in Offenbach engagiert.

Schütz: Wir haben ein Grundstück im Osten von Offenbach. Das ist die Fläche des ehemaligen Güterbahnhofs. Wir setzen auf innovative Unternehmen, die nach modernen Arbeitswelten, insbesondere im produzierenden Gewerbe, suchen. Denen würden wir gerne ein Angebot machen.

Herr Kornmann, mit welchen Argumenten kann man für Ansiedlungen in Offenbach werben?

Kornmann: Offenbach hat eine hervorragende Infrastruktur. Denken Sie an die Autobahn, die S-Bahn, die Anbindung an den Flughafen. Stadt und Kreis liegen im Zentrum der Region. Toll ist auch, dass es hier ein absolut kreatives Umfeld gibt. Das macht sich auch in der Wirtschaftsstruktur der Stadt bemerkbar. Es gibt viele Dienstleister, unternehmensbezogene Dienstleister. Das ist ein guter Standortfaktor. Es ist auch eine relativ kleine Stadt, die kleine Großstadt. Man ist schnell im Zentrum der Stadt. Man ist schnell an der EZB oder der Hanauer Landstraße oder in der Frankfurter Innenstadt. So können Unternehmer hervorragend Netzwerke knüpfen.

Herr Schütz, kann Offenbach so gegen Frankfurt punkten?

Schütz: Das Spiel sollten wir nicht aufnehmen. Jede Firma muss den Standort in der Region finden, der zu ihr passt. Offenbach ist anders als Frankfurt.

Wo ist der Unterschied?

Schütz: Offenbach hat eher eine industrielle Tradition. Warum sollte die Stadt sich nicht wieder auf diese Stärke besinnen? Wenn neue Produkte entwickelt werden, dann sollte man das in Offenbach tun.

Gibt es Flächen für produzierendes Gewerbe in Offenbach?

Schütz: Ja, die Aurelis-Fläche zum Beispiel. Der Offenbacher Osten, der im Umbruch ist, eignet sich für dieses Segment. Wir erarbeiten gerade neue Konzepte: Die Digitalisierung beispielsweise verändert Geschäftsprozesse in der leichten Produktion und wir wollen diese veränderten Anforderungen auf die Immobilie übersetzen.

Herr Achenbach, gibt es eine Konkurrenz zwischen Wohn- und gewerblichem Bau in Offenbach?

Achenbach: Wir beobachten das an vielen Stellen. Gewerbliche Flächen, die dem Strukturwandel zum Opfer gefallen sind, werden mit Wohnungen bebaut. Das frühere Manroland-Gelände in der Christian-Pleß-Straße ist ein Beispiel. Diesen Trend finden wir auch im Kreis. Dabei hat die IHK ein ungutes Gefühl, weil das Potenzial für neue Siedlungsflächen begrenzt ist. Viele neue Flächen, die noch unbebaut sind, wird es in der Region Offenbach nicht geben. Wir müssen bewusst mit der Ressource Fläche umgehen. Es geht um ein ausgewogenes Konzept für Wohn- und Gewerbebebauung. Die Kommunen müssen mit Blick auf die gesamte Stadt und auf die Konsequenzen entscheiden, wie sie sich entwickeln wollen.

Schütz: Wohnen und Arbeiten lasten gemeinsam die Infrastruktur besser aus. Die Verbindung von Wohnen und Arbeiten wird von vielen Nutzern sogar bewusst gesucht. Entschieden wird über die Nutzungsverteilung allerdings auch auf der Ebene des Regionalverbands .

Kornmann: Deshalb wird auch der Masterplan in Offenbach entwickelt. Die Stadt positioniert sich. Und über die Flächen wird entschieden. Am Ende wird ein Produkt angeboten, das interessant und spannend ist für Unternehmen. Es sollen keine Standard-Gewerbeflächen sein. Es soll etwas qualitativ Hochwertiges angeboten werden. Es soll ein Mikrostandort mit Pepp generiert werden, ein Powergebiet.

Herr Tschörner, sind Sie für die Zukunft der Region auch so optimistisch?

Tschörner: Wir haben eine Kernstadt, die heißt nicht Offenbach, sondern Frankfurt. Offenbach hängt zwischen zwei Mühlrädern: Frankfurt und dem Landkreis. Wenn sich eine Firma ansiedeln will, muss man dem Management erklären, dass es sich um zwei Städte handelt. Offenbach würde viel mehr Sinn machen, wenn es ein Stadtteil von Frankfurt wäre. Dann könnte die Stadt nicht mehr zwischen Frankfurt und dem Kreis zerrieben werden.

Sie sind also für eine Fusion der Städte?

Tschörner: Ohne jede Frage. Im Ausland gibt es Beispiele dafür: Greater London mit einer Verwaltungseinheit. Wir müssen uns anders aufstellen: Es macht doch keinen Sinn, dass sich Offenbach gegen Heusenstamm und Frankfurt vermarktet.

Achenbach: Ich glaube nicht, dass Offenbach Stadtteil von Frankfurt werden sollte. Dann gäbe es wenig Chancen, die eigenen Stärken zu entwickeln. Es geht vielmehr um eine partnerschaftliche Zusammenarbeit der beiden Städte auf Augenhöhe.

Kornmann: Die kleineren Verwaltungsstrukturen in Offenbach eröffnen Chancen. Genehmigungsverfahren sind schneller. So kann man in der Konkurrenz zu Frankfurt besser bestehen.

Wie sehen die Chancen von Offenbach aus?

Schütz: In der Vergangenheit haben einige produzierende Firmen aus unterschiedlichen Gründen die Region verlassen. Wenn man aber die richtigen zielgruppenorientierten und zukunftsweisenden Angebote macht, kommen neue Nutzer. Wir erleben in der Stadt einen ausgeprägten Willen, innovative Wege zu gehen. Davon können Unternehmen nur profitieren.

Achenbach: Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, große Produktionseinheiten in die Region Offenbach zu holen. Es geht um kleinteiligere, produzierende Unternehmen. Und: Das vernetzte Arbeiten ist die Zukunft. Industrie 4.0 und Urban Production sind hier die aktuellen Stichworte. Auch das könnte ein Weg für Offenbach sein.

Tun die Wirtschaftsförderungen in der Region genug?

Achenbach: Die IHK arbeitet aktuell gemeinsam mit dem Kreis und den kreisangehörigen Kommunen an einem Wirtschaftsförderungskonzept, das helfen soll, die Zusammenarbeit zu verbessern und die Dienstleistungen für die Unternehmen zu optimieren. Jeder will zunächst ein Unternehmen bei sich ansiedeln oder an den Standort binden. Gelingt dies nicht, muss das Ziel sein, die Firma im Kreis zu halten. Schließlich geht auch ein Teil der Gewerbesteuer in den gemeinsamen Topf des Kreises.

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