„Dann macht das der Färber“

Der neue Parlamentschef ist in Bieber verwurzelt

+
Schöpft aus der Erfahrung des langjährigen Kommunalpolitikers und dem bodenständigen Pragmatismus eines Bieberers: Der neue Stadtverordnetenvorsteher Stephan Färber (SPD).

Offenbach -  Einstimmig hat die Stadtverordnetenversammlung Stephan Färber (SPD) zum neuen Parlamentschef gewählt. Der 65-Jährige ist ein alter Hase im Polit-Geschäft, was eine souveräne Amtsführung erwarten lässt. Ein Gespräch. Von Matthias Dahmer

Am Ende der anderthalb Stunden schultert Stephan Färber seinen schwarzen Lederrucksack und verabschiedet sich. Und womöglich verrät dieser Rucksack, der so ganz im Kontrast zu weißem Hemd und Sakko steht, mehr über den Menschen Stephan Färber, als es all die gesprochenen Worte zuvor vermochten: Hier hat man es mit einem Praktiker zu tun. Einem, dem Konventionen nicht wirklich wichtig sind, der eben keine Aktentasche braucht, dafür aber die Hände frei hat.

Ähnlich praktisch hat er sein neues Amt als Parlamentschef angepackt. So etwa als es um die Wahl seiner Stellvertreter ging, eine Zählkommission aus den Reihen der Fraktion aufgestellt werden musste und Färber in den Saal rief: „Wer ist noch ohne Fahrschein?“ Der 65-Jährige SPD-Politiker ist der neunte Stadtverordnetenvorsteher seit Bestehen des Offenbacher Parlaments, und es sei schon jetzt die Prognose gewagt: er wird nicht der Schlechteste sein.

Viel Aufhebens macht er nicht, wenn es um seinen neuen Job als Erster Bürger der Stadt geht. Dazu ist Stephan Färber, der 1971 in die SPD eintrat und seit 1985 dem Parlament angehört, wohl schon zu lange im Polit-Geschäft. Aber eines ist ihm dann doch wichtig. „Es ist für einen Bieberer wie mich etwas Besonderes gewesen, in einer Bieberer Turnhalle zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt zu werden.“

Alles zur Kommunalpolitik in Offenbach

Bieber ist Färbers Heimat. Dort geboren und aufgewachsen lebt der verheiratete Vater von zwei Kindern noch immer im Stadtteil. Aus der tiefen Verwurzelung rührt seine wohltuende Bodenständigkeit. In Bieber beginnt seine politische Sozialisation: Aufgewachsen in einem konservativen Elternhaus, zieht es den jungen Stephan Färber zu den Soziademokraten. Ganz im Gegensatz zu seinem drei Jahre jüngeren Bruder Egbert, der sich der CDU zuwendet und schon seit langen Jahren Fraktionsgeschäftsführer der Offenbacher Christdemokraten ist.

Sein politisches Schlüsselerlebnis, wie Färber es nennt, hat er mit Anfang 20. Auslöser ist die Berichterstattung unser Zeitung über eine Sitzung des SPD-Ortsvereins Bieber. Die Stadtteil-Genossen haben zu einem seinerzeit brisanten Schulthema eine abweichende Meinung, was via Zeitung Wellen schlägt. „Mich hat damals erstaunt, was man als Ehrenamtler im politischen Raum bewegen kann“, erinnert sich Färber.

Fast 25 Jahre führt er den Ortsverein, ehe er ab 2004 Chef der SPD im Rathaus wird. Den Fraktionsvorsitz muss er 2011 abgeben, in der vergangenen Legislaturperiode sitzt er im ehrenamtlichen Magistrat. Aus so viel Erfahrung rührt auch eine Erkenntnis, zu der nicht jeder Volksvertreter gelangt: „Die Politik bestimmt nicht so viel, wie sie glaubt, bestimmen zu können.“

Leserbilder: Die schönsten Plätze in Offenbach (Teil 2)

Überrascht war er nicht, als das neue Amt rief. Es sei schon vorher an der Spitze der Sozialdemokraten klar gewesen: Wenn die SPD stärkste Kraft im Parlament wird, „dann macht das der Färber“. Und woher kam die Gewissheit, dass man größte Fraktion wird? „Das war Hoffnung“, lächelt Stephan Färber verschmitzt. Seine berufliche Laufbahn ist der politischen dienlich. Der Ausbildung beim Kreis Offenbach folgen unter anderem fünf Jahre in der dortigen Kämmerei. 1976 dann der Wechsel ins Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle mit Sitz in Eschborn.

Zu der Behörde, die unter anderem für die Abwrackprämie zuständig war, gehört auch das sogenannte Filmreferat, wo entschieden wird, welcher deutsche Film förderungswürdig ist. „Das war die schönste Zeit“, blickt Färber zurück. Mit damaligen Film- und Fernsehgrößen hatte er zu tun, mit Viktor von Bülow alias Loriot führt er unzählige Telefonate, der Regisseur Werner Herzog wird – nachdem ihm eine Förderung versagt wurde – sein „natürlicher Feind“. Erst als Herzog Anfang der 80er Jahre staatliche Unterstützung für „Fitzcarraldo“, den später erfolgreichen Film mit Klaus Kinski über den Bau eines Opernhauses im peruanischen Dschungel, erhält, entspannt sich das Verhältnis. „Ich könnte stundenlang von dieser Zeit erzählen“, sagt Färber.

1986 wird er Personalratsvorsitzender im Bundesamt, ab 1988 bis 2015 ist er dafür freigestellt. Im vergangenen Jahr sollte es eigentlich in Rente gehen, doch Färber wird noch gebraucht: Für den Aufbau einer Sozialberatung in der Behörde ist er noch bis Ende Juni an drei Tagen in der Woche dort tätig.

Leserbilder: Die schönsten Plätze in Offenbach Teil 1

Seine Hobbys kann Stephan Färber mühelos aufzählen: Skifahren, Radeln, Nordic Walking, einstmals Tennis – das Knie spielt nicht mehr mit – und Rollerfahren. Bei Letzterem kommt er ins Schwärmen. Erst mit 59 Jahren hat er den Führerschein für die richtig PS-starken Zweiräder gemacht, mit seinem aktuellen Flitzer war er unter anderem schon in den Dolomiten.

Und dann ist da noch die Fastnacht: Den Offenbach 03ern ist Stephan Färber seit Jahren ein bewährter Sitzungpräsident, angefangen in diesem Amt hat er indes bei der Katholischen Jugend Bieber, wo er sechs Jahre die närrischen Sitzungen leitete. Das Parlament führen oder eine Fastnachtssitzung leiten – das ist doch fast das Gleiche? Färber schüttelt mit dem Kopf. Das sei nicht zu vergleichen. Höchstens in einem Punkt: „Die Vorbereitung ist das A und O für einen reibungslosen Ablauf.“

Dem neu formierten Stadtparlament gibt der Erste Bürger in Sachen Umgang miteinander mit auf den Weg: „Man sollte sich so verhalten, dass man den homo politicus und den Menschen trennt.“ Zugleich sieht er Regelungsbedarf bei der Redezeit im Parlament. Die derzeit gewährten 45 Minuten pro Fraktion müssten angesichts der festgelegten Gesamtzeit von sechs Stunden pro Sitzung auf den Prüfstand. Gefragt nach der finanziellen Zukunft der Stadt Offenbach findet der neue Parlamentschef mahnende Worte: „Auf dem jetzigen niedrigen Niveau nochmal gemäß Schutzschirmvorgaben jährlich 24 Millionen Euro aus der Stadt rauspressen – das wird nicht gehen.“

150 Jahre Sozialdemokratie: Geschichte der SPD

Kommentare