Stern überm Mainufer

Die Weihnachtsgeschichte in Offenbach

Krippenszene auf dem Rathausvorplatz: In der Weihnachtsgeschichte geht es auch um Gastfreundschaft, gegenseitige Hilfe und Respekt. Werte, die gut zu Offenbach passen.
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Krippenszene auf dem Rathausvorplatz: In der Weihnachtsgeschichte geht es auch um Gastfreundschaft, gegenseitige Hilfe und Respekt. Werte, die gut zu Offenbach passen.

Es ist eine der bekanntesten Geschichten der Welt: Die Weihnachtsgeschichte. So würde sie klingen, wenn sie im Jahr 2021 spielen würde – und in Offenbach.

Offenbach – Die Erzählung der Heiligen Nacht, mit Maria und Josef, ihrer Suche nach einer Herberge, der Geburt des Jesuskindes im Stall in Bethlehem – es ist die Essenz von Weihnachten. Doch was wäre, wenn sich all das heute in Offenbach abspielen würde? Drei kreative Köpfe haben sich für unsere Zeitung darüber Gedanken gemacht.

Herausgekommen ist die Erzählung der Heiligen Nacht in drei Teilen, die ganz anders daherkommt, als in der Bibel. Jeder Teil steht für sich und ist vollgepackt mit Lokalkolorit und Insiderwissen. Zusammengefügt wird klar, dass die Bedeutung der Weihnachtsgeschichte aktueller ist denn je. Es braucht keinen Ochs, keinen Esel, kein Bethlehem und auch keine Hirten. Es braucht allein ein offenes Herz, um zu erkennen, dass Gastfreundschaft, gegenseitige Hilfe und Respekt die wahre Frohe Botschaft sind – vor allem in Offenbach.

Weihnachtsgeschichte in Offenbach: Maria bringt ihren Sohn am Hafengarten zur Welt

Es begab sich aber zu der Zeit, dass der Berliner Kunstschreiner Josef auf Gebot des Grundbuchamtes wegen eines unaufschiebbaren formalen Akts kurz vor dem Jahresende aus der Manufaktur im Prenzlauer Berg in seine Heimatstadt zurückkehrte. Und es war zu jener Zeit, als Felix Schwenke dort Statthalter war.

Josef begab sich mit seiner vertrauten Frau Maria, die hochschwanger war, in eine Gegend, die Rhein-Main-Gebiet hieß - und in deren Herzen die Stadt Offenbach lag. Sein Elternhaus, das schon lange dem Geschlechte der Nubers gehörte, sollte nun wirklich auf ihn umgeschrieben werden. Nachdem dies geschah, konnten sie wegen eines vom dortigen Wetterdienst vorhergesagten Schneesturms die Stadt jedoch nicht mehr verlassen. Und da sie bei Hotels und Pensionen aufgrund eines sonderbaren Beherbergungsverbots keinen Einlass erhielten, gebar Maria ihren Sohn schließlich in einem einsamen Eisenbahnwagon am Hafengarten unweit des Mains. Das Geschnatter unzähliger Nilgänse und das sanfte Blöken vereinzelter Schafe begleiteten die Geburt, während der verspätete Schock über die Höhe der Grundsteuer diese wohl einleitete. Und Maria legte das Kind im Lichte der ringsum erbauten Exklusivwohnstätten behutsam in eine lederne Krippe.

Weil Maria und Josef keinen Besuch mehr erwarteten, wollten sie sich nun erschöpft, aber glücklich bei einem Film Erholung verschaffen. Sie spannten weiß-bläuliche Bettlaken unweit des Flusses an einen besonders prunkvollen Kran und projizierten hierauf Marias ewigen Lieblingsfilm, den man getrost als einen „alten Schinken“ bezeichnen konnte: „Ist das Leben nicht schön?“. (Von Daniel Brettschneider)

Daniel Brettschneider: Offenbachs Kino-Pabst und Kochbuch-Autor

Weihnachtsgeschichte in Offenbach: Die Botschaft von Jesu Geburt verbreitet sich über Social Media

Die junge Julia, die nach ihrer Schulzeit ein sogenanntes FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) im Offenbacher Tierheim am Wetterpark leistet, muss jedes zweite Wochenende im Monat nachts Tiere hüten. Eines Abends saß sie im Büro und arbeitete sich aus Gewohnheit durch die Instagram Stories von FFH-Radiomoderatorin Evren Gezer, die ihr vor einiger Zeit auf einer Bühne beim Hessentag in einem umwerfenden weißen Kleid mit Flügeln erschienen war.

Als sie gerade einen euphorischen Beitrag über eine spektakuläre Geburt im Hafenpark Offenbachs las, gingen vor ihrem Büro die grellen Scheinwerfer an, die immer dann in voller Kraft leuchten, wenn die Nachbarskatze auf der Suche nach Futter über das Gelände streunt. Auch wenn sie das Szenario kannte, erschrak sie und bekam Angst. Die legte sich aber schnell wieder, weil sie wiederum Ablenkung in ihrem Smartphone fand, das – wie sie nunmehr auf unterschiedlichen Seiten feststellte – wahre Wunderdinge über das frisch geborene Kind verkündete und in ihr einen Drang auslöste, sich das Ganze hautnah vor Ort anzuschauen.

Da der Hausmeister des Tierheims noch spät einige Dinge reparieren musste und somit quasi nebenbei auf die Anlage aufpassen konnte, schnappte sie sich kurzerhand vier Hunde, aktivierte zwei Freundinnen und eilte mit ihnen zum Hafen am Main. Aus allen Richtungen waren Menschen gekommen, die Nachricht hatte sich in Lichtgeschwindigkeit über Social Media-Kanäle wie Like Offenbach verbreitet. Vor dem alten Bauwagen im Hafenpark herrschte riesiger Andrang. Zwischen all der Hektik und dem Treiben der Schaulustigen, zwischen Essenslieferanten mit übergroßen, leuchtenden Rucksäcken, Sportlern aus dem nahe gelegenen Boxclub Nordend oder den Fechenheimern, die über die Carl-Ulrich-Brücke gekommen waren, konnte sie einen kurzen Blick auf das Kind und die glücklichen Eltern werfen.

Trotz aller Umstände, die sie neudeutsch als „cringe“ bezeichnen würde, hatte der Moment etwas Magisches. Das Kind, das in Stoffwindeln in einem alten, mit Tischdecken ausgepolsterten Wäschekorb lag, strahlte – und es war, als würde es ganz kurz in ihre Richtung blinzeln, als sie ein Foto mit ihrem Handy schoss. Alles Schöne, was vorher im und über das Netz verkündet wurde, war tatsächlich wahr!

Dies bestätigte sie auf dem Rückweg ins Tierheim allen, in dem sie – wie so viele andere auch – Bilder des Kindes in diversen Offenbach-Gruppen bei Facebook einstellte. Sie fügte eine große Auswahl Emojis hinzu. Das bekannteste Smiley, das selbst ihre Mutter kannte, war ein funkelndes Herz. Einige Tage später erfuhr sie, dass jenes Kind Erwin genannt wurde. Als Fans des OFC war den nach Berlin ausgewanderten Eltern dieser Name natürlich bereits bekannt. (Von Loimi Brautmann)

Loimi Brautmann: OF-LovesU-Erfinder und kulinarischer Stadtführer

Die drei heiligen Könige suchen in Offenbach nach Jesus

Als Jesus im Land Hessen zur Zeit des Landesfürsten Volker I geboren wurde, da hörten drei Magier aus Syrien von der Neuigkeit und machten sich mutig auf den Weg. Dieser war mühsam, weil die Grenzen dicht waren. In Wiesbaden angekommen, fragten sie an einer mobilen Impfstation, wo der neugeborene Landesfürst zu finden sei. „Wir haben seinen Stern in Aleppo gesehen und sind hier, um ihm Geschenke zu bringen.“ Aber niemand wusste davon. Als der Landesfürst von der Suche der drei hörte, erschrak er und beauftragte die besten Wissenschaftler damit, zu erkunden, wo der Kleine auf die Welt gekommen sein könnte.

Ein Buch im Staatsarchiv gab den entscheidenden Hinweis: „Und du, Offenbach, bist keineswegs die unbedeutendste unter den Städten Hessens, denn aus dir wird der neue Landesfürst kommen“, hieß es da. Da rief Fürst Volker I die drei zu sich und schickte sie los nach Offenbach: „Sucht nach dem Kind und wenn ihr’s findet, gebt Bescheid.“ Der Stern, den sie in Syrien gesehen hatten, leuchtete bald wieder am Firmament. Allerdings verloren die drei die Orientierung, weil Unmengen an Flugzeugen den Himmel durchkreuzten.

Am Wetterpark half ihnen dann ein Mitarbeiter vom Zirkus Belarus und riet ihnen zum Weg ins Rathaus, dort habe man einst auch dem Zirkus in der Not weitergeholfen. Im Rathaus trafen sie Felix den Roten und Sabine die Große an, beide berieten sich grade mit dem weisen Paul für die bevorstehenden Aufstiegs-Feierlichkeiten der Kickers. Die Stadträte waren sich schnell einig: Offenbach ist offen und trägt ja schon seit den Hugenotten das Arrival-City-Qualitätssiegel - klar hat dieses Kind bei uns einen Platz gefunden. Die Frage war nur, wo.

Im Treppenhaus trafen die Reisenden auf Ryad, den Falafelbrater, der grade im Amt für Verbraucherschutz seine aktuelle Bescheinigung für die Lebensmittelhygieneschulung abgeholt hatte. Er hatte einem jungen Paar, das am Eingang zum Musikhaus André vorm Schneeregen Unterschlupf suchte, am Vortag Falafel und heißen Tee gebracht und sie später Richtung Mainufer weiterziehen sehen. Die drei aus Aleppo verloren langsam den Mut. Aber Ryad nahm sich ihrer an und lief mit ihnen das Mainufer ab. Von dort zog er mit ihnen zur Diakonie-Notunterkunft. Nichts.

Vor dem BAM trafen sie auf Giuseppe und Andrea, die ihnen frische Ricotta einpackten. Der Kleine und seine Eltern würden bei der Kälte Kraft brauchen, sagten sie. Zwischen Berdux und Kaffeehaus Laier gab man ihnen noch Wein und Offenbacher Pfeffernüsse mit. Plötzlich tauchte hinter der Marienkirche der Stern wieder auf. Er führte sie direkt zum Offenbacher Waldzoo. Dort über dem Stall von Texel-Schaf Petra mit ihrem Lämmchen Dieter leuchtete der Stern mit dem Mond um die Wette. Umringt von vielen Tieren - allen voran Waschbär Willi und Bifi, das Mini-Schwein, die aus Bayern migrierten Rinder Six, Seven und Walter und Kaninchen Kostedde - fanden sie zwischen Stroh und Schafwolle das Kind mit Maria und Josef. Sie gingen hin, verehrten es und legten ihre Geschenke nieder: Falafel, Pfeffernüsse und Ricotta - und einen OFC-Strampler. Der musste sein. Irgendwann schliefen alle hundemüde im Stroh ein, während Bifi sich heimlich über die Pfeffernüsse hermachte. (Von Ida Todisco)

Ida Todisco: Autorin von Offenbacher Nachtstücke

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