Stets gelassen trotz Stress und Tiefschlägen

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Dr. Walter Suermann

Offenbach - Die Schlagzeile der Offenbach-Post vom 31. Mai 1980 zeigte Erstaunliches an: „Seit Menschengedenken der erste CDU-OB für Offenbach“. Mit respektabler Mehrheit hatte die Stadtverordnetenversammlung den Niedersachsen Dr. Walter Suermann zum Oberbürgermeister gewählt. Von Lothar R. Braun

Es versetzte das so genannte bürgerliche Lager in Jubelstimmung. Aus dem anderen Lager schlug dem Neuen indes eisige Ablehnung entgegen. Mittlerweile ist aus dem Zankapfel Suermann ein rundum geachteter Offenbacher Bürger geworden und aus dem Niedersachsen ein Offenbacher Lokalpatriot. An diesem Sonntag wird er 70 Jahre alt.

Der an moderate Formen politischer Auseinandersetzung gewöhnte Stadtdirektor von Lehrte bei Hannover betrat in Offenbach ein schwieriges Terrain. Es habe ihn überrascht, sagt er, eine völlig versteinerte politische Landschaft anzutreffen. Die gestaltete sich noch komplizierter, als 1985 die Mehrheit abermals wechselte, diesmal zu Rot-Grün. Im Dezember 1985 fand Suermann sich denn auch mit einem Herzinfarkt auf der Intensivstation. Erschwerte Arbeitsbedingungen, Stress und „Tiefschläge, die im Sport vom Schiedsrichter geahndet worden wären“, meinte die Offenbach-Post als Ursache der Erkrankung zu erkennen.

Die Mitarbeiter in seinem engeren Umfeld staunten damals oft über die heitere Gelassenheit, die Suermann bei alledem zur Schau trug. Doch es sollte noch härter kommen. Als 1986 seine Wiederwahl anstand, lautete das Ergebnis 35:35, wobei ein unklar bezeichneter Stimmzettel Deutungsprobleme aufwarf. Zwei Verwaltungsgerichts-Instanzen beschäftigten sich mit diesem Stimmzettel, ehe er zu einer gültigen Ablehnung der Wiederwahl erklärt wurde.

Ich hing anderthalb Jahre in der Luft“, sagt Suermann. Einerseits ließ man ihn nicht kommissarisch weiter amtieren. Andererseits konnte er keinen anderen Posten anstreben, weil ein günstiges Gerichtsurteil ihn von einem Tag zum anderen ins Rathaus katapultiert hätte.

1987 aber war er frei geworden. Er wurde geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Umweltstiftung WWF Deutschland und ließ sich als Rechtsanwalt nieder. Von 1991 bis 1995 half er in Thüringen beim Aufbau neuer kommunaler Strukturen.

In einem Atemzug mit dem S-Bahn-Bau zu nennen

Wenn Walter Suermann auf seine Oberbürgermeister-Zeit zu sprechen kommt, ist bald von der S-Bahn die Rede. Dass sie die Offenbacher City unterquert, sieht er als seinen persönlichen Erfolg an. Denn als Suermann in Offenbach anfing, hatten außer der FDP alle Fraktionen den Bundesbahn-Plänen zugestimmt, die S-Bahn um die City herum auf dem Gleiskörper der Fernbahn zu führen.

Suermann gewann den um den Anschluss von Oberrad besorgten Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann und dann alle anderen Beteiligten für eine Sinnesänderung zu Gunsten der Offenbacher Citytrasse. „Alles andere hätte den Tod unserer Innenstadt bedeutet“, glaubt er heute.

Für Offenbach konnte Suermann auch als Ruheständler noch einmal tätig werden. Als beim Ersten Offenbacher Schwimmclub (EOSC) finanzielle Unregelmäßigkeiten zutage traten, betrieb Suermann die Aufklärung mit einigen Helfern, zu denen auch sein Vorgänger im Oberbürgermeisteramt, der Sozialdemokrat Walter Buckpesch, gehörte. Schließlich ließ er sich für eine auf ein Jahr begrenzte Zeit zum Vorsitzenden des Vereins wählen, um wieder geordnete Verhältnisse schaffen zu können. Als EOSC-Mitglied hat ihn dabei das preußisch gestraffte Pflichtverständnis geleitet, das alte Beamtenfamilien ihren Söhnen anerziehen.

Zu einer Wiederwahl stellte er sich danach nicht mehr. Mit nun 70 Jahren ist der niedersächsische Offenbacher mit dem preußischen Pflichtethos nur noch ein Ruheständler mit Gartenarbeit und Tennisspiel. Und mit gelegentlichen Orientreisen, natürlich in Begleitung von Ehefrau Renate.

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