Pflicht oder verschenkte Zeit?

Offenbach - Wenn morgen die Wahlbüros öffnen, werden wohl erneut keine langen Wählerschlangen vor den Türen stehen, die es gar nicht abwarten können, ihr Kreuzchen neben einem der zwei Kandidaten, Horst Schneider (SPD) oder Peter Freier (CDU), zu machen. Von Katharina Hempel und Alexander Kroh

Dem künftigen Offenbacher Oberbürgermeister wird es aller Voraussicht nach reichen, wenn jeder fünfte Wahlberechtigte für ihn stimmt. Doch wenn die große Mehrheit schweigt, anstatt ihren Wählerwillen als zu äußern, kann sie das Ergebnis im Nachhinein auch nur stumm hin- und zur Kenntnis nehmen.

Die Politikverdrossenheit hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Nicht nur in Offenbach. Aber die Wahlbeteiligung von gerade einmal 25,3 Prozent sollte bei Demokratieverfechtern alle Alarmglocken schrillen lassen.

Wo liegen die Gründe für ein derartiges Desinteresse der Bürger? Auf den Straßen Offenbachs soll eine Wählerbefragung unserer Redaktion Klarheit verschaffen.

Die Antworten sind vielfältig: Einige der Befragten wissen überhaupt nicht, dass morgen noch einmal gewählt wird. Auch wie so eine Stichwahl abläuft, scheint bei zahlreichen Wählern nicht angekommen zu sein: „Brauch ich da meine Wahlbenachrichtigung?“, fragt eine ältere Dame. „Die habe ich nämlich weggeschmissen“. Und eine andere Bürgerin will wissen: „Kann ich jetzt eigentlich bei der Stichwahl abstimmen, auch wenn ich vor zwei Wochen nicht gewählt habe?“

Politikverdrossenheit bei sehr vielen Bürgern

Bei anderen ist die Politikverdrossenheit deutlich rauszuhören. „Auf unsere Stimmen kommt es doch nicht mehr an, die Grünen-Anhänger werden Schneider wählen, so viel ist sicher“, findet ein potentieller Wähler. Ob er zur Stichwahl geht, weiß er noch nicht. Ähnlich sehen es zwei Männer im mittleren Alter: „Der Schneider wählt sich doch selber“, sagt einer von ihnen und winkt ab.

Eine handvoll älterer Damen hatte diese Ausrede: „Ich bin schon über achtzig, Wahlen interessieren mich in meinem Alter nicht mehr.“

Über die geringe Wahlbeteiligung machen sich einige Offenbacher auch ihre Gedanken. „Die Politik ist nicht transparent. Viele Wähler wissen nicht einmal, wozu so ein Oberbürgermeister überhaupt da ist und welche Kompetenzen er hat. Die absolut nichtssagenden Plakate der Kandidaten waren dabei auch nicht hilfreich“, urteilt ein junger Student, dem das generelle Unverständnis von Demokratie Sorgen bereitet.

Über die Gründe, warum letztendlich nur jeder Vierte zur Wahl ging, wird fleißig spekuliert: „Vielleicht war zu gutes Wetter“, mutmaßt eine Wählerin. Die Sprachbarriere für viele potentielle Wähler mit Migrationshintergrund würde auch verhindern, dass die Wählerzahlen nach oben gehen, urteilt ein Anderer.

Zusammengefasst herrscht in Offenbach wohl die Meinung vor, dass sich ohnehin nichts ändert, egal ob der Oberbürgermeister nun Schneider oder Freier heißt.

Rubriklistenbild: © pixelio.de/Bert Gemen

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