Brandopfer meldet sich

Flammen nehmen auch die Hoffnung

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Im 13. Stock an der Rathenaustraße haben Flammen der Familie einiges genommen.

Offenbach - Hörbar ringt der Anrufer um Fassung; immer wieder bricht die Stimme. Von Martin Kuhn

Es ist ein Hilferuf, ein geradezu ohnmächtiger, der mittags die Redaktionsroutine unterbricht: „Wie tief geht’s noch runter?“, fragt der Mann, der während des Gesprächs hörbar die eine oder andere Träne unterdrückt.

Diese Frage nach dem weiteren Schicksal bleibt gestern unbeantwortet. Im 13. Stock an der Rathenaustraße hatten Flammen dem 52-Jährigen einiges genommen: beinahe die 17-jährige Stieftochter, die komplette Habe, die Hoffnung. Und obendrein ein wenig Gerechtigkeit.

Es gab keinen falschen Löschversuch

Der Mann widerspricht der Darstellung, dass dem Feuer ein falscher Löschversuch mit Wasser vorausgegangen sei: „Das ist falsch.“ Im Polizeibericht hieß es: „Als sie auch noch versuchte, mittels Wasser, das brennende Öl zu löschen, setzte sie damit die Wohnung in Brand.“ In seiner Version hat die 17-Jährige in einer Pfanne Speck ausgelassen, um Piroggen (ein polnisches Nationalgericht) zuzubereiten. Als die Pfanne Feuer fängt, hat sie, so ihr Stiefvater, versucht, dieses mit einem Handtuch zu ersticken.

Dann greift die Schülerin zum Telefon, um die Familie zu Hilfe zu rufen. Die Mutter (53) arbeitet in einer nahe gelegenen Lokalität und macht sich von dort aus sofort mit dem Stiefvater auf den Weg. Der schildert, was folgt: „Mit dem Aufzug in den 12. Stock; die letzte Treppe zu Fuß; sie steht vor der Tür; alles voller Rauch. Ich hab’ nur gerufen: Runter, runter, sofort runter!“ Nach seinen Angaben liegt die 17-Jährige, die die polnischen Schulferien zu einem Besuch bei ihrer Mutter nutzt, auf der Intensivstation – Verbrennungen an Armen, Beinen, Bauch. „19 Prozent der Hautfläche sind betroffen; am schlimmsten der linke Arm.“ Der Mann schluckt schwer: „Am Dienstag wird sie operiert.“ Es schwingt Sorge mit, große Sorge um eine junge Frau, die in zwei Wochen Geburtstag hat.

„Wir haben nichts mehr“

Da geraten die anderen Folgen des Wohnungsbrandes beinahe schon zur Nebensache: „Wir haben nichts mehr; können nicht mal zurück.“ Die Wohnung ist versiegelt. Für den Laien scheint es unwahrscheinlich, dass die Experten jemals ermitteln, wie sich das Feuer am Freitagabend ausgebreitet hat. Fotos der Feuerwehr aus der 13. Etage lassen vermuten, dass alles unbrauchbar ist. Hilfe haben der Familie bislang offenbar nur polnische Bekannte zukommen lassen – etwas Bargeld, ein paar Kleidungsstücke. Die Chefin der Mutter hat ihnen wenigstens ein Zimmer zur Verfügung gestellt.

Von eben auf jetzt steht er mit seiner Frau vor dem Nichts. „Ich weiß noch nicht einmal, wo ich Hilfe bekommen kann“, sagt der 52-Jährige, den es in diesem Jahr schon einmal hart getroffen hat. Er ist arbeitslos geworden – nach fünfzehn Jahren in einer Firma. Und da ist sie wieder, seine Eingangsfrage: „Wie tief geht’s noch runter?“

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