Damit das Leben gelingt

Stiftung „Lebensräume“ hilft psychisch kranken Menschen

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Vorstandswechsel bei „Lebensräume“: Klaus-D. Liedke (links) übergibt seinen Posten zum 1. Juli an Christoph Wutz.  

Offenbach - Als die Psychiatrie in Offenbach noch in den Kinderschuhen steckte, wurde 1982 der Verein „Lebensräume“ gegründet, um Menschen mit psychischen Problemen zu helfen. Von Veronika Schade

Ein Mitarbeiter der ersten Stunde ist Klaus-D. Liedke, der auf 36 bewegte Jahre zurückblickt, davon 28 Jahre in Führungspositionen. Zum 1. Juli übergibt er den Stab an seinen Nachfolger Christoph Wutz. Eine Marke für psychosoziale Hilfeleistungen: So bezeichnet sich die Stiftung „Lebensräume“ heute – gewachsen von einem kleinen Verein mit drei Mitarbeitern zu einem Unternehmen mit 200 Mitarbeitern und mehreren Standorten in Stadt und Kreis. An all dem war Klaus-D. Liedke maßgeblich beteiligt.

Der studierte Sozialpädagoge und Wirtschaftsingenieur erinnert sich an das Jahr 1981, als die Psychiatrie im Offenbacher Stadtkrankenhaus eröffnet wurde. Zu verdanken war das Persönlichkeiten wie dem Offenbacher Bundestagsabgeordneten Walter Picard, dem hessischen Sozialminister Horst Schmidt und dem Psychiater Manfred Bauer, der die Offenbacher Psychiatrie danach viele Jahre leitete und prägte. „Die Eröffnung war eine Folge der 68er-Bewegung nach einem langen, politischen Reifungsprozess. Davor wurden psychisch Kranke in die Peripherie abgeschoben, etwa nach Groß-Gerau, Riedstadt oder Hadamar“, blickt Liedke zurück. So habe es in Offenbach 1976 gerade mal zwei Nervenärzte gegeben.

Nur wenige Monate später wurde der „Offenbacher Verein zur Förderung seelisch Behinderter“ gegründet (heute „Lebensräume“). Seine Intention: Menschen nach ihrer Entlassung aus der Psychiatrie zu unterstützen und auch anderen psychisch Erkrankten eine Anlaufstelle zu bieten. „Mit wenig Geld und viel Engagement haben wir’s angepackt“, so Liedke. Nach Jahren als Betreuer übernahm er 1991 die Leitung des Vereins, der 2010 zur Stiftung wurde, der er als Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender vorsteht.

Der Bedarf an psychosozialen Hilfen wächst: Fast jeder zweite Mensch leidet mindestens einmal im Leben an einer psychischen Erkrankung. Depressionen und Burnout, aber auch Schizophrenie und Angststörungen sind weit verbreitet. Daneben gibt es geistige Behinderungen wie etwa Autismus, die den Menschen ein Leben lang begleiten. Entsprechend vielfältig ist das Spektrum der Klienten von „Lebensräume“ – und die Zeitspanne, in der sie betreut werden. „Manche sind nur sechs Wochen innerhalb einer beruflichen Wiedereingliederungsmaßnahme bei uns, andere betreuen wir dauerhaft“, berichtet Liedke.

Die Kontaktaufnahme erfolgt über Ärzte, Angehörige oder die Betroffenen selbst. „Vor allem unser Mailaccount ist immer voller Anfragen – etwa von der Mutter, die sich um ihren Sohn sorgt, weil er sich gehen lässt“, nennt er in Beispiel. Insgesamt nehmen pro Jahr etwa 3000 Menschen auf verschiedene Weise Hilfe der Stiftung in Anspruch, davon bedürfen etwa 500 intensiver Versorgung.

Diese wird aber nicht mehr in klassischen Wohnheimen mit vorgegebener Tagesstruktur geleistet. Die Menschen wollen und sollen ein möglichst eigenständiges Leben führen. „Teilhabe“ ist das Schlagwort und Ziel, dem die Stiftung mit individuellen, aber betreuten Wohnangeboten nachkommt. Ein Beispiel ist das 2009 eröffnete Nachbarschaftshaus in Bieber, in dem 15 Menschen mit psychischer Beeinträchtigung in eigenen Wohnungen leben. Ein Concierge, der ebenfalls dort wohnt, ist Ansprechpartner und Kümmerer. Am Wilhelmsplatz ist jüngst ein ähnliches Projekt entstanden.

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Finanziert wird die Arbeit von „Lebensräume“ durch den Landeswohlfahrtsverband, Krankenkassen und Jobcenter, das eng mit der stiftungseigenen Abteilung Arbeitshilfen kooperiert. Ein erfolgreiches „Baby“ der Stiftung ist die gemeinnützige Integrationsgesellschaft „ESSwerk“, die Schulen in Stadt und Kreis mit Essen versorgt. Allein dort sind 300 Mitarbeiter beschäftigt – darunter viele mit Handicap.

Sozial zu sein und doch die Gesetze der Marktwirtschaft zu beachten, ist die stetige Herausforderung. Eine, der sich Christoph Wutz stellt. Zum 1. Juli übernimmt er die Nachfolge von Liedke als Vorstandsvorsitzender, der ab Oktober in den Ruhestand geht. Von Kindheit an durch kirchliche Sozialarbeit geprägt, wechselte der 49-Jährige vor 20 Jahren von der IT-Branche zur Sozialwirtschaft. „Hier ist Beachtliches gelungen“, sagt der studierte Betriebswirt und Politikwissenschaftler, der derzeit noch in Würzburg lebt, über „Lebensräume“. In diesem fortschrittsoffenen Geist will er die Stiftung weiterführen.

Liedke, der am Donnerstag seinen 65. Geburtstag feierte, bleibt den Hochschulen für Soziale Arbeit in Frankfurt, Wiesbaden und Fulda als Dozent für Sozialwirtschaft erhalten. „Die andere Hälfte der Zeit halte ich mir frei und sehe, was passiert“, sagt er und lächelt. Klingt nach einem guten Plan. Am Mittwoch, 19. September, gibt es anlässlich des Abschieds von Liedke ein Symposium im Kreishaus Dietzenbach unter dem Titel „Psychosoziale Dienste gestern und morgen“ mit hochrangigen Gästen. Beginn ist um 13 Uhr. Infos folgen. Mehr Infos gibt es unter: www.lebsite.de

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