Still und starr ruht das Reh

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Auf der Kinder- und Jugendfarm ist Schleppen angesagt. Leiterin Karin Schmitz-Roeckerath und andere Helfer versorgen die Farmtiere täglich mit Futter und Wasser.

Offenbach ‐ Lernen von der Natur ist für den Menschen immer gut. Aber man kann ein Reh einfach nicht in die Offenbacher Energiesparinitiative berufen. Zum einen würden all die Zweibeiner, wie sie da in großer Runde eine Menge Energie ins Energiesparen stecken, im Paarhufer den angeborenen Flucht-reflex auslösen. Von Marcus Reinsch

Zum anderen könnte das Tier den Suchenden mangels passendem Sprachorgan sowieso nicht verraten, wie es im frostigen Wald ganz ohne Heizung überlebt.

Dann schon lieber Kurt Schäfer. Der Leiter des für Offenbachs grünes Drumherum zuständigen Forstamtes Langen ist zwar auch kein Mitglied der Energiesparinitiative. Doch er kann vielen Menschen eine Botschaft bieten, an der sie sich in ihrer Sorge um das Wohlergehen der Waldgeschöpfe wärmen können. „Den Tieren geht‘s gut, die sind Winter seit Jahrtausenden gewöhnt“, versichert Schäfer und fügt hinzu: „Verweichlicht ist nur der Mensch!“

Für „Kurzhaarige“ gibt‘s bei Frost ein Ausgehmäntelchen. Das ist den Waschbären im Waldzoo quasi angeboren. Kuscheln muss trotzdem sein.

Warum momentan eher die Tiere des Waldes Mitleid mit den Menschen haben müssten als andersherum, ist faszinierend - und für Zweibeiner, die am Leben hängen, keinesfalls zur Nachahmung empfohlen: „Das Wild schraubt seine Aktivitäten einfach runter, bewegt sich möglichst wenig, verbraucht kaum Kalorien“, erklärt Schäfer. „Und abgesehen davon, dass der Schnee nicht hoch ist und die Tiere an den wintergrünen Knospen und Trieben von Brom- und Himbeeren genug zu fressen finden, hat es in diesem Herbst wahnsinnig viele Buckeckern und Eicheln an den Bäumen gegeben.“ Von den angefressenen Fettschichten könne das Wild bequem zehren.

Muskelarbeit ist angesagt

Still und starr ruht das Reh? Das ist die Taktik. Einen Strich durchmachen könnte ihm als „einziger Gefährdungsfaktor“ nur der Mensch. Bleibe der nicht auf den Wegen, sondern trampele querwaldein, schrecke das Wild auf und verbrauche bei der Flucht zu viel Energie.

Die Kunst, trotz des Frostes kräftig ins Schwitzen zu kommen, perfektionieren hingegen Pädagogen und ehrenamtliche Helfer der Offenbacher Kinder- und Jugendfarm. Zwar steckt der Betrieb in der Winterpause, doch die auf dem Areal am Wetterpark lebenden Ponys Mandy, Chico, Sonny und Blacky wollen ebenso fressen und trinken wie der Haflinger Nero und die Kaninchen.

Tierheimleiterin Gudrun Lincke mit Gismo und Heinz Bretthauer mit Luca beim Gassigehen im Schnee.

Mehrmals täglich, sagt Farmsprecher Simon Isser, kommen Helfer aufs Gelände, lassen die Pferde auf die Koppel oder in den Stall. Sie füttern die Tiere, für die während der Saison Kinder die Verantwortung übernehmen. Und sie schleppen Gießkannen über weite Strecken. „Der einzige Wasseranschluss, der hier im Winter funktioniert, ist in unserem Gebäude. Alle anderen Leitungen sind abgeklemmt“, erklärt Isser. Da sei Muskelarbeit angesagt. Aber so gehe es den Tieren gut. Das geht es den Meerschweinchen der Farm sowieso. „Die sind jetzt in Winterpension bei den Familien der Kinder. Meerschweinchen sind ja nicht gerade winterfest.“

Häufchen sind ruck-zuck gefroren

Das sind auch einige Bewohner des nur wenige Schritte entfernten Tierheims nicht. Macht aber nichts. Dank der umfangreichen Renovierung 2008 „sind wir da auch in Sachen Heizungsanlage sehr gut gerüstet“, sagt Leiterin Gudrun Lincke. „Unseren Tieren macht die trockene Kälte aber auch nicht viel aus. Die Hunde kommen tagsüber in den Auslauf, wo sie sich austoben können, und am Abend wieder rein. Nur besonders Kurzhaarige, Hunde mit geschorenen Stellen und vierbeinige Senioren mit Knochenproblemen wie Arthrose tragen bei diesen Temperaturen Mäntelchen. Und wenn sie vom Gassigehen oder aus dem Auslauf kommen, kuscheln sie sich in ihre Körbchen und Decken.“

Winterlicher Nachteil, wie auf der Kinder- und Jugendfarm: Wasserschläuche im Freien sind bei extremen Minusgraden nicht fürs Putzen zu verwenden. Vorteil: Fürs Häufchen-Räumen ist Wasser meistens gar nicht notwendig; der Hunde Hinterlassenschaften sind ruckzuck tiefgefroren, was sie zum Fall für das Kehrblech macht. Und Lincke macht eine weitere positive Nebenwirkung aus: „Wenn es eine längere Frostperiode gibt, sterben bei den Tieren Zecken und Flöhe ab. Früher, als Sommer Sommer und Winter Winter war, hatten wir viel weniger Probleme mit Parasiten.“

Das werden auch die Geschöpfe im Waldzoo am Nasen Dreieck gegenüber der Stadthalle zu schätzen wissen. Ihre Felle - selbst die der durchaus nicht nur in warmen Breiten beheimateten Kängurus - sind dicht und mollig und damit eigentlich eine tolle Spielwiese für allerhand böses Getier. Das kann nun ausbleiben, was Zooleiterin Susanne Wollensak doppelten Grund zur Feststellung gibt: „Unseren Tieren geht es gut.“ Nur dass nun statt der kleinen Krabbler und Beißer drei- oder viermal am Tag große, menschliche Störenfriede in ihren Territorien auftauchen, um die zugefrorenen Wasserbehälter freizuhacken, da müssen Wollensaks Schützlinge wohl noch eine Weile durch.

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