Stiller Kunstpreisträger

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Ottomar Gassenmeyer hinterließ auch in Offenbach Spuren. Hier seine Brunnenanlage in Tempelsee.

Offenbach ‐  War das 1971 eine Aufregung um den neu aufgestellten Steinbrunnen auf dem Marktplatz, einer Art „Stein des Anstoßes“. Ottomar Gassenmeyer, der Bildhauer aus Tempelsee, hatte den 2 mal 2,30 Meter großen Monolith aus Muschelkalk gehauen, nachdem zwei seiner prämierten Entwürfe aus finanziellen und räumlichen Gründen nicht realisiert wurden. Von Reinhold Gries

Die „dritte Lösung“ lag noch trocken - entsprechende Installationen fehlten - da beschwerten sich manche bis in die Presse über die Modernität des „Antidenkmals“. Viele Passanten betasteten derweil das raue Material oder benutzten den Stein als Sitzbank, Kinder krabbelten darauf herum. Das war durchaus im Sinne des am 13. Januar 1930 in Offenbach geborenen Künstlers, der am Mittwoch seinen 80. Geburtstag begeht. Im Dialog wie im Künstlerdasein pflegte der philosophisch Gebildete den kontroversen Diskurs, bot gerne Reibungsflächen. Ein Fels mit ausgeprägt kritischem Bewusstsein, jede oberflächliche Vermarktung verweigernd.

Studium an der renommierten Städelschule

Ottomar Gassenmeyer.

Gassenmeyer erlernte von 1946 bis 1949 in Steinheim das Holzbildhauerhandwerk, dann entwickelte er sich durch Studien beim Hanauer Expressionisten Reinhold Ewald weiter. Ab 1956 studierte er beim berühmten Prof. Hans Mettel an der Städelschule, wurde ab 1958 dessen Meisterschüler. Von der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ gefördert, erhielt er 1961 den Leisser-Preis für Bildhauerei. 1962/63 gewährte ihm der „Deutsche Akademische Austauschdienst“ einen Studienaufenthalt in Sizilien, 1964/65 wurde er Stipendiat der Villa Massimo in Rom, die größte Auszeichnung, die ein junger Künstler damals erhalten konnte.

Kämpfernatur übersteht schwere Erkrankung

Nun war Gassenmeyer in einem Atemzug zu nennen mit „documenta“-Künstlern wie Hans Steinbrenner und Michael Croissant. Ab 1965 lebte und arbeitete der stille Bildhauer und Zeichner wieder in Tempelsee. Nun kämpft er, unterstützt von seiner Ehefrau Ellen, seinen zwei Kindern, vier Enkeln und medizinischen Betreuern um Verbesserung seiner stark angeschlagener Gesundheit. Das Kämpfen ist er gewohnt. Schon als junger Mann überwand er eine schwere Erkrankung, die seine Leidenschaft für Kunst und mächtige Steine („Steine leben so lange“, sagte Gassenmeyer einmal) nicht bremsen konnte.

Öffentliche Anerkennung für seine Werke

Zeugnis dafür legt neben nun bewässertem Marktbrunnen die 1966/67 errichtete Brunnenanlage im Einkaufszentrum Tempelsee ab. Sie wurde trockengelegt, weil sich Bewohner des Brunnenwegs bei ihrer Baugenossenschaft über das plätschernde Geräusch beschwerten. Nun ist der Stein mit Graffitis „verziert“. Mehr öffentliche Anerkennung fand Gassenmeyers Bronzestele für den Physik-Nobelpreisträger Ferdinand Braun, die das Land Hessen vor der Landesbibliothek in Fulda aufstellte. Der Bund ermöglichte 1985 eine ovale Freiplastik aus sechs Lavabasaltsteinen, aufgestellt im Park der Frankfurter Villa Mumm innerhalb eines Bronzekreises von acht Metern Durchmesser. An der Richard-Strauß-Allee ist das Bundesamt für Geodäsie für genaue Messung der Schwerkraft zuständig. Wie solche Kräfte wirken, sieht man auch an Gassenmeyers „Sechs Erdteilen“, deren einer Eifel-Steinblock sich schief gesetzt hat.

Hohlkörper ohne Drahtgerüst

Das stört die künstlerische Balance, wegen der sich Gassenmeyer in eine Sachsenhäuser Steinmetzwerkstatt eingemietet hatte. Erstaunlich, wie er den harten Stein ganz ohne Presslufthämmerchen geformt hat. Aus der Nahsicht verblüffen seine sensiblen Meißelhiebe bis heute; sie sind so kunstvoll gesetzt wie bei seinen abstrahierenden Zeichnungen. Aufgefallen war der Offenbacher Bildhauer auch bei der Entwicklung einer neuartigen Tonmasse, die gebrannt wie erkaltetes Lavagestein wirkt. Aus dieser Mixtur konnte er als einziger torsohafte Hüllen und Hohlkörper ohne Drahtgerüst aufbauen. Die Kunsthallen von Baden-Baden, Kassel und Berlin honorierten das ebenso mit Präsentationen wie das Saarlandmuseum und die Deutsche Bank Frankfurt.

In Offenbach nahm Gassenmeyer an Projekten des Kunstvereins teil, erhielt eine Retrospektive im Theater an der Goethestraße. 2005 wurde sein Werk im Seligenstädter Kunstforum gezeigt, 2006 in der Retrospektive der Städel-Bildhauer in Frankfurts Museum Giersch. Bekannt wurde der sozial engagierte Künstler auch durch seine Lohwald-Tonwerkstatt, zuletzt betrieben mit der Offenbacher Kunstpädagogin Alexa Kumm. Gassenmeyer motivierte benachteiligte Kinder zum Gestalten – und therapierte sie dabei.

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