30 Millionen für Bewahrung der Ist-Situation

Es bleibt beim Flickwerk auf Offenbachs Straßen 

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Etwa 50x50 Zentimeter misst das Loch in der Liebigstraße. Tiefe: gute fünf Zentimeter. Besonders kritisch ist die Situation für Radler, die auf dem engen Straßenquerschnitt entgegen kommenden Autofahrern ausweichen müssen.

Offenbach - Ein Winter, der keiner war: Nur im Januar setzte sich für kurze Zeit skandinavische Kaltluft mit Schnee durch, resümiert der Wetterdienst. So bleiben Frostschäden auf den Offenbacher Straßen die Ausnahme. Das macht es nicht besser. Allein die Bewahrung der (schlechten) Ist-Situation würde rund 30 Millionen Euro kosten, rechnet der OB vor. Von Martin Kuhn 

Die Bürger verstehen schon, dass nicht alles sofort geht. Doch sie vermissen Konzepte. Das war kürzlich bei einem der regelmäßigen Bürgergespräche des Oberbürgermeisters deutlich zu vernehmen. Auch unser Leser Georg Wagner ist mit der Situation unzufrieden: „Es nützt nichts, wenn man die meist frostbedingten in den Straßen aufgetretenen Löcher zwar füllt, doch keine dauerhafte Verbindung zum Belag herstellt. In kurzer Zeit wird an gleicher Stelle wieder ein Loch entstehen und sich durch die verkehrsbedingte Belastung vergrößern.“

Es werde Geld unsinnig ausgegeben, obwohl die Kommune bekanntermaßen nicht eben finanziell auf Rosen gebettet ist. „Mehr Sinn würde eine fachgerechte, sicherlich teurere, Schadensbeseitigung machen. Aufgrund begrenzter Mittel würde dies zwar eine längere Zeit in Anspruch nehmen, hätte jedoch zur Folge, dass es möglich wäre, Schäden dauerhaft zu beseitigen“, findet er. Und steht damit sicher nicht allein. Schließlich steigen die Hochrechnungen für die notwendigen Reparaturen auf dem gut 220 Kilometer langen Straßennetz kontinuierlich.

Der ESO setzt auf den Patcher: Ausblasen mit Druckluft, das Schlagloch mit einem Gemisch aus Splitt und Emulsion füllen, Abdecken mit Splitt.

War bislang von etwa 20 Millionen Euro die Rede, sind es inzwischen 30 Millionen Euro, von den Horst Schneider spricht. „Allein um den jetzigen Zustand zu halten“, schränkt der Verwaltungschef ein. Zum Vergleich: Gut 30 Millionen Euro kann die Stadt pro Jahr investieren. Davon fließen drei Viertel in Kitas und Schulen. Da bleibt kaum etwas für andere Maßnahmen. Generell macht die Stadt feine Unterschiede: Für Reparaturen und Erneuerungen der obersten Deckschicht ist der Eigenbetrieb ESO zuständig, eine grundhafte Erneuerungen des Straßenunterbaus ist Sache von Stadtplanung und Bauamt. Als Basis für die Priorisierung von Maßnahmen hat der ESO 2010 die erste Befahrung zur Erfassung des Straßenzustandes vorgenommen. Im vergangenen Jahr folgte Runde zwei. Die Auswertung ist noch nicht abgeschlossen.

„Unsere Straßenkontrolle ist täglich unterwegs, um den Zustand der Fahrbahnen und Gehwege zu erfassen“, sagt ESO-Sprecher Oliver Gaksch. Außerdem gehen Meldungen von Passanten, Auto- und Radfahrern ein. Bereits heute steht fest: Es sind auch im Nicht-Winter 2015/16 neue Schäden auf den Straßen entstanden. „Unsere Mitarbeiter sind ständig draußen und stopfen Schlaglöcher mit Reparaturasphalt. Sie arbeiten sich Stück für Stück voran. Wir können aber nicht überall sein“, so Gaksch.

Für die sogenannte Verkehrssicherungspflicht steht dem ESO ein Budget von rund 145 000 Euro zur Verfügung. Hinzu kommen 625 000 Euro für die flächige Sanierung von Deckschichten. „Leider reichen die vorhandenen Mittel bei weitem nicht aus, um alle Schäden zu beseitigen. Die Zielsetzung besteht nach wie vor darin, aus knapp bemessenen Mitteln das Beste zu machen“, heißt es. Mit durchgängig wärmeren Temperaturen erfolgt wieder der Heißeinbau von Asphalt. Die liegen bei acht Grad.

Das ist mit ein Grund, warum der langrüsselige „Patcher“ noch nicht unterwegs ist. Dafür wird das Fahrzeug derzeit umgerüstet, außerdem turnusmäßig gewartet. Denn im Winter mutiert der „Rüssler“ zum Splittstreuer. Aber bald bessern Mitarbeiter mit ihm punktgenau Schäden aus. An einem Schlagloch angelangt, wird es per Luftdruck gereinigt und mit Bindemittel eingesprüht. Danach erfolgt das Auffüllen mit Emulsions- und Splittgemisch, um die Schäden auf Fahrbahndecken zu beseitigen. Vorteil: Es ist schneller und effektiver als die üblichen Verfahren.

So entsteht ein Schlagloch

Wie gesagt: Viele halten das - berechtigterweise - nur für Stückwerk. Das Argument einer leeren Stadtkasse lassen sie nicht gelten, fragen vielmehr: Warum steckt man nicht die angekündigten neuen Fördermittel in den Straßenbau. Stichwort: Kommunales Investitionsprogramm. „Die Richtlinien für Fördermittel des Landes und des Bundes sehen leider keine Aufnahme von Straßensanierungsmaßnahmen vor. Deswegen nutzt die Stadt diese Mittel für andere - und ganz wichtig: ohnehin vorgesehene - Projekte“, erklärt Stadtsprecher Fabian El Cheikh.

Ein Thema, das die Kommunen bundesweit belastet. Deshalb mahnt etwa der Automobilclub von Deutschland (AvD) an, die Wiederherstellung der Verkehrswege zügig und gründlich anzugehen. Nach Meinung des AvD müssen deutlich mehr Mittel von Bund und Ländern in die Instandhaltung und Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur investiert werden. Der Club fordert, das verfügbare Finanzbudget „beständig, ohne Etatschwankungen und mit Zweckbindung Verkehrsprojekten zufließen zu lassen“. Begründung: Die Bereitstellung einer funktionierenden Infrastruktur sei Ausdruck der sogenannten Daseinsfürsorge, „der die Behörden im Rahmen der Straßenverkehrssicherungspflicht den Verkehrsteilnehmern gegenüber nachkommen müssen.“

Dokumentieren Sie Ihr Schlagloch

Weder der Stadtdienstleister ESO noch die Redaktion können den umfassenden Überblick haben, wo überall Offenbachs Verkehrswege eher einer Kraterlandschaft gleichen. Die Leser unserer Zeitung können zur Vollständigkeit beitragen. Sie sind aufgerufen, „ihre“ Schlaglöcher und „ihre“ Unebenheiten zu dokumentieren. Seien es Schäden vor der Haustür oder Schäden auf den täglichen Wegen, die motorisiert auf vier oder zwei Rädern, mit dem Fahrrad, dem Rollstuhl, dem Rollator oder ohne Hilfsmittel zu Fuß bewältigt werden: Wir warten auf Fotos derselben.

Aber Vorsicht: Niemand sollte sich in Gefahr begeben, um eine besonders imposante Vertiefung auf einer verkehrsreichen Straße abzulichten! Möglich sind Einsendungen nur auf elektronischem Weg (jpg-Format, mindestens 500 kb) an die Adresse red.offenbach@op-online unter dem Stichwort „Schlagloch“; notwendig sind neben Name und Adresse auch möglichst genaue Ortsangaben. Die eindrucksvollsten Fotos sollen in der Zeitung erscheinen, die anderen werden Bestandteile einer Bildergalerie auf op-online.de.

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