Damals im Jugendzentrum

„Strategee“: Rap-Karriere begann in den 90ern im Nordend

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Der Leiter des JUZ Nordend, Wolfgang Malik, und Geronimo Göldner kennen sich seit 20 Jahren.

Offenbach - Vor dem Durchbruch des Rappers Haftbefehl schien Hiphop im Rhein-Main-Gebiet für manch einen nur eine Frankfurter Angelegenheit zu sein. Dass es aber auch in Offenbach schon früh eine aktive Rapszene gegeben hat, zeigen Künstlerbiografien wie die von Strategee. Von Christian Wachter

Hiphop ist heute eine der größten Jugendkulturen der Welt. Ihre Protagonisten sind Popstars, die fast wöchentlich die deutschen Charts anführen. Als Geronimo Göldner, der sich als Rapper Strategee nennt, 1997 das erste mal ein Mikro im JUZ Nordend in der Hand hat, sieht das anders aus. Die Stars der Szene heißen Advanced Chemistry, Beginner, Too Strong, Freundeskreis oder Absolute Beginner; Radiohörer verbinden mit Rap meist die Fantastischen Vier. Gerade mit letzteren, sagt der 36-Jährige, konnte er nie viel anfangen: „Zu viel Happy-Hip-Hop...“

Die Künstler aus Frankfurt – Rödelheim Hartreim Projekt, Konkret Finn oder Azad, die schon damals rauere Töne anschlugen – seien schon eher sein Ding gewesen. Und natürlich die Vorbilder aus den USA: Erik B & Rakim, Nas, The Notorious B.I.G. und der Wu-Tang-Clan. Zum Hiphop kam Göldner aber nicht über den Rap, sondern über Graffiti, neben Breakdance ein wichtiger Baustein der Szene. Nachts, so Göldner, der längst nur noch legal sprüht, sei er als Jugendlicher oft aus dem Fenster geklettert um zu sprühen: „Ich war jung, hatte keine wirklich einfache Kindheit und wollte rebellieren. Ab und an habe ich da auch Mist gebaut.“ Umso wichtiger sei es gewesen, dass es in den städtischen Jugenzentren Gelegenheiten gab, zu rappen und somit einen Ausgleich zu finden.

So klein die Szene war: Berührungspunkte zu jenen, die heute auf Schulhöfen Gesprächsthema sind, hatte Göldner schon damals. Im KJK Sandgasse rappt er mit dem großen Bruder von Aykut Anhan, in Frankfurt hatte er Auftritte mit Lady Hän. Aykut, das ist Haftbefehl, der Künstler, der Offenbach nach Sicht der Feuilletons endgültig auf der deutschen Raplandkarte verankert hat. Lady Hän heißt inzwischen Namika; mit ihrem Album „Nador“ und der Single „Lieblingsmensch“ war sie eine der Newcomerinnen 2015.

Von deren Bekanntheitsgrad ist Göldner als Rapper Strategee weit entfernt, ähnlich wie mancher Weggefährte, mit dem er zu tun hatte. Und doch verdeutlicht seine musikalische Vita, dass die Rapszene in Offenbach auch lange vor Haftbefehl existent war. 1998 nimmt MC Muha von der türkischsprachigen Hiphop-Band United Liberty Göldner zum ersten Mal mit ins KJK Sandgasse, wo er regelmäßig proben kann. Auch mit anderen Offenbacher Urgesteinen wie der Ohne Fronten Crew, denen sich United Liberty später anschließen, dem Rapper JAM und seinem heutigen Produzenten Sick Moraniz, in dessen Wohnung er seine Songs aufnimmt, knüpft er Kontakte

Dass er auf den Straßen Offenbachs von Jüngeren häufig angesprochen wird, freut Göldner. „Ich merke, dass ich eine Vorbildfunktion bekomme. Da ist es mir wichtig, Werte zu vermitteln.“ Einen beliebigen Ghetto-Text könne jeder schreiben. „Die Message geht da oft verloren, deshalb versuche ich, ehrlich zu sein und junge Künstler anzuspornen, wenn sie mich nach ihrer Meinung fragen.“ Er selbst will mit seinen Texten zum Nachdenken anregen, auch wenn er wisse, dass man kommerziellen Erfolg eher durch eingängige Texte erreiche. „Aus dem ganzen Internethype, den es derzeit um Hiphop gibt, mache ich mir aber nicht viel.“

Ihm ist es wichtig, sich Zeit zu lassen. Bislang hat Strategee zwei Alben veröffentlicht, an seinem dritten arbeitet er gerade. „Operation Geronimo“ möchte er es nennen und politische Töne anschlagen. Vor 2020 allerdings, so Göldner, werde er wohl nicht damit fertig. Schließlich gibt es auch noch das geregelte Arbeitsleben. „In dieser Hinsicht habe ich mich allerdings nicht nicht wirklich selbst gefunden. Ich bin wohl ein Jobhopper“, räumt der Rapper ein.

Er hat lange in der Sicherheitsbranche gearbeitet. Bei Großereignissen wie dem Oktoberfest, aber auch in Supermärkten, etwa dem Rewe am Marktplatz. Dort hatte er beruflich mit manchem Stadtpolizisten zu tun, denn er noch aus seiner rebellischen Jugendphase kannte.

Ewig könne man das nicht machen, lange Schichten bei schlechter Bezahlung, Konflikte, die sich ins Privatleben übertragen. Göldner ist froh, inzwischen im Lager eines Kaufhauses zu arbeiten. Musik ist eine wichtige Stütze: „Egal wie es läuft, wenn ich nach Feierabend Musik machen kann, verschwinden die Alltagssorgen.“ Unabhängig von seiner beruflichen Zukunft weiß der ehemalige Bach-, Goethe- und Käthe-Kollwitz-Schüler eins doch ganz sicher: „Aus Offenbach möchte ich nicht weg. Hier bin ich geboren, hier sterbe ich.“

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