Jahrzehntelanger Konflikt

Streit um Koppel spitzt sich zu

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Für viele Spaziergänger ein Anziehungspunkt, für andere einfach nur unordentlich: Die Pferdekoppel unweit der Bieberer Gaststätte „Zur Obermühle“.  

Offenbach - Wegen „rechtswidriger“ Pferdehaltung steht die Stadt seit Jahrzehnten mit einem Bieberer in Konflikt. Er soll das Grundstück räumen. Doch die „Bonifer Hills“ nebenan sind auch illegal, argumentiert sein Anwalt. Von Veronika Szeherova

Hexe, Paddy und Primos streifen in der Abenddämmerung über ihre Koppel. Nur das gelegentliche Schnauben der Pferde durchbricht die Stille. Wenige Meter weiter sitzen einige Katzen und putzen sich, nachdem ihnen Sabine Cinner wie jeden Abend ihr Futter gemacht hat.

Es herrscht eine Idylle auf dem Grundstück in den Bieberauen nahe der Gaststätte „Zur Obermühle“ – aber nur auf den ersten Blick.

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Die Pferdekoppel von Gerhard Niewiera ist ein beliebtes Ausflugsziel nicht nur für Bieberer. Doch geht es nach dem Willen der Stadt, ist damit bald Schluss. Das Bauaufsichtsamt kündigte jüngst in einem Schreiben an, bei Niewiera die Kosten für eine „Ersatzvornahme“ anzufordern. „Das ist der erste Schritt zur Vollstreckung einer Räumung“, sagt Niewieras Anwalt Alexander Herbert. Damit spitzt sich ein Jahrzehnte andauernder Konflikt zu.

Streit schon seit den 90er Jahren

Bereits in den 90er Jahren überzog die Stadt den Pferdehalter mit Räumungsverfügungen, weil er das als landwirtschaftliche Fläche ausgewiesene Grundstück illegal nutze. Pferde zu halten, ohne sie zu züchten, sei Hobby, aber keine Landwirtschaft. Die Bieberer SPD machte die Angelegenheit 1999 zum Politikum. Es gelang, 1100 Unterschriften für die Erhaltung der Koppeln zu sammeln.

Zaunschaden durch die Erdhügel

Schließlich war eine wohlwollende Prüfung in Aussicht gestellt worden. Niewiera, der das Gelände seit 1975 pachtet, sei zwar kein Landwirt, solle aber eine Baugenehmigung erhalten als „sonstiges Vorhaben“. Er wurde für den Naturschutz in die Pflicht genommen. „Das ökologische Gleichgewicht in der Umgebung stimmt nicht mehr“, bedauert der 68-Jährige. „Früher gab es dort Scharen an Bachstelzen, Rebhühnern, Fasanen, doch mittlerweile sind da zu viele Pestizide.“ Er lasse sein Grundstück bewusst im Naturzustand. Und er bemüht sich, zusätzlich das Nachbargelände zu pachten, auf dem die Firma Bonifer Erdaushub lagert. Doch der aktuelle amtliche Bescheid ist negativ.

„Die Erdhügel dort sind rechtswidrig, aber dagegen geht die Stadt nicht vor“, meint Rechtsanwalt Herbert. Die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Bonifer und Niewiera sind seit Jahren angespannt, gegenseitige Vorwürfe fast alltäglich. Die Erdhügel, in Bieber als „Bonifer Hills“ bekannt, werden immer höher, Steine und Bauschutt rutschen auf Niewieras Grundstück, beschädigen die Zäune. Zudem sammeln sich große Pfützen, die auf die Koppeln überschwappen. Die Pferde stehen im Schlamm. „Wir haben einen Haufen aufgeschüttet, damit sie einigermaßen trocken stehen können“, sagt Niewiera und deutet auf die Stelle.

500 Unterschriften für Erhaltung der Koppel

„Da sieht es unordentlich und morsch aus“, räumt er ein. Doch solange sein Gelände durch den Erdaushub ständig in Mitleideidenschaft gezogen werde und er keine Zukunftsperspektive habe, wolle er nicht investieren: „Ich habe mich bei der Stadt angeboten, alles schön anzulegen, zu begradigen und mit Apfelbäumen und Vogelschutzhecken zu renaturieren, wenn ich das Nachbargrundstück zu einem angemessenen Preis pachten kann.“

Das sei für alle ein Gewinn, findet Mitstreiterin und „Katzenmama“ Sabine Cinner. Sie kämpft für die Erhaltung der Pferdekoppel und Katzenheimat: „Unser Mindestziel ist, den Status quo zu erhalten.“ Bereits 500 Unterschriften hat sie dafür gesammelt.

Rechtsanwalt Herbert wird gegen die Räumung einwenden, dass sie rechtswidrig ist, solange die illegalen Erdhügel auf dem Nachbargrundstück geduldet werden – es gelte das Gleichbehandlungsprinzip. „Die Störungen gehen faktisch von der Firma Bonifer aus, obwohl es mit der Stadt gegen ein Grundstück in Waldhof getauscht worden sein soll“, sagt Herbert. „Damit wäre die Stadt Eigentümer und also Störer.“ Außerdem liege Niewieras Einkommen unter der Pfändungsfreigrenze: „Bei ihm ist nichts zu holen. Warum die Stadt so massiv gegen diese Bieberer Institution vorgeht, ist mir unverständlich.“

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