Mädchen vermisst

Streunerin oder Opfer eines Verbrechens?

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Ein komplexer Fall und eine Familientragödie: Die 14-jährige Priscilla Mendes wird vermisst.

Offenbach - Maria Mendes atmet tief durch. Die Angst um ihre Tochter hat sich in ihr Gesicht eingegraben. Seit Juli hat sie nichts mehr von Priscilla gehört. Die 14-Jährige ist ohne jede Spur verschwunden. „Ich weiß nicht mal, ob sie noch lebt“, sagt die Mutter. Von Veronika Szeherova

In ihrer Verzweiflung wandte sie sich an unsere Zeitung. „Ich brauche jede Unterstützung, damit mein Kind endlich zurückkommt.“ Mit einer Freundin soll Priscilla, die vor einigen Jahren von Offenbach nach Groß-Gerau gezogen ist, am 8. Juli in Offenbach unterwegs gewesen sein. An der Mittelseestraße trafen sie, so schildert Maria Mendes, auf eine Gruppe Männer, die dort „herumsaßen und Alkohol tranken“. Denen hätten sich die Mädchen angeschlossen. Die Freundin sei weggegangen und kurz darauf zurückgekommen, doch Priscilla und die Männer waren nicht mehr da. „Was, wenn sie ihr etwas angetan haben?“, sorgt sich die Mutter.

Allerdings habe sie erst zwei Wochen später vom Verschwinden ihrer Tochter erfahren, nachdem das Jugendamt die Fahndung veranlasst hatte. „Priscilla wohnte in einer Jugendeinrichtung in Mainz“, erklärt Mendes. Als Ursache nennt sie Depressionen des Mädchens. Am Tag vor dem Verschwinden hätten sie noch telefoniert. Zwar sei Priscilla schwierig und von anderen beeinflussbar, doch einfach zu verschwinden, das passe nicht zu ihr.

Eine andere Sprache sprechen die polizeilichen Unterlagen. „Sie war jahrelang in schöner Regelmäßigkeit abgängig“, sagt Wolfgang Stumm von der Kripo Mainz. Mehrfach habe die Polizei Priscilla aufgegriffen, meist sei sie im Raum Offenbach unterwegs gewesen. „Sie ist auch aktuell in der Fahndungsausschreibung“, bestätigt Stumm. Wenn sie bei einer Kontrolle gefunden würde, sei sie für die Beamten entsprechend identifizierbar.

Schwieriger Fall

Doch die Suche nach der 14-Jährigen habe wegen der Vielzahl an Fällen nicht die oberste Priorität, räumt der Kriminalhauptkommissar ein: „Sie ist als Streunerin schon mehrfach aufgefallen, es passt also zu ihrem Verhalten. Wir vermuten, dass sie gar nicht mehr nach Hause möchte.“ Laut Stumms Unterlagen ist das Mädchen am 20. August letztmals in der Mainzer Jugendeinrichtung gesehen worden, wo sie „die Maßnahme beendet hat“.

Rausgeworfen worden sei Priscilla, beklagt die Mutter. „Sie ist weg, und niemand will die Verantwortung auf sich nehmen.“ Ihre Tochter sei zwar öfter aus Einrichtungen weggelaufen – aber stets nach Hause gekommen. Mendes fühlt sich von Ämtern und Polizei allein gelassen. Wie sich jedoch herausstellt, liegt die Vormundschaft entgegen ihren Angaben gar nicht mehr bei ihr, sondern beim Jugendamt.

Ein so schwieriger Fall sei ihm in 40 Jahren Tätigkeit nicht untergekommen, sagt Sven Fröhlich, Fachanwalt für Familienrecht, als ihm unsere Zeitung den Sachverhalt schildert. Priorität habe der Schutz des Kindes: „Eine 14-Jährige hat über ihren Aufenthaltsort nicht selbst zu entscheiden, sondern der Sorgeberechtigte. Das Jugendamt muss viel stärker bei der Polizei darauf beharren, bis zur Führungsebene, dass sie gefunden wird.“

Weiteres Mädchen vermisst

Die Polizei könne das Mädchen nicht als Streunerin abtun. Werde sie gefunden, sei über das weitere Vorgehen zu entscheiden – was entgegen der Erwartung der Mutter nicht heißen müsse, dass sie zu ihr zurückkehrt. „Wenn Priscilla solche Probleme mit sich selbst hatte, wäre sie schon vorher in einer Institution besser aufgehoben gewesen, wo sie nicht so leicht raus kann“, so der Anwalt.

Das könne ein geschlossenes Heim oder eine psychiatrische Einrichtung sein. Fröhlich: „Sie muss raus aus dem Sumpf, in dem sie steckt.“ Priscilla ist 1,67 Meter groß und wiegt etwa 55 Kilogramm. Die Offenbacher Kripo leistet Amtshilfe. Hinweise an die Nummer 069/8098-1234.

Der Fall von Priscilla ist nicht das einzige aktuelle vermisste Mädchen in der Region: Auch die 14-jährige Alexandra aus Offenbach ist verschwunden.

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