Yoga mit der Nadel

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So wird es gemacht: Sabine Perez vermittelt in der Galerie Grün die Kunst der Weißstickerei.

Offenbach - Sie fädeln, ziehen und stechen vor sich hin. Alle sind entspannt. Nur Marlise nicht, ihre rechte Schulter noch viel weniger. Marlise holt tief Luft, lehnt sich zurück und streicht mit der linken Hand die Falten aus dem weißen Leinen, das vor ihr liegt. Von Katharina Hempel

„Ich sage schon mal jetzt“, sagt sie zu den anderen Frauen am Tisch, „ich werde nicht Stickerin werden. Punkt. Meine rechte Schulter ist schon verkrampft“. Um sich zu dehnen, dreht Marlise den Kopf nach links, dann nach rechts. Sie rückt ihre Brille zurecht und beugt sich wieder tief über das Stück Stoff, das die Größe einer halben Zeitungsseite hat. Mit der Spitze der Stecknadel sucht sie nach der Stelle, wo das Auf und Ab der gewebten Fäden einen kleinen Freiraum gelassen hat. Dort sticht sie hinein und hebelt eine kleine Schlaufe aus dem Stoff. „Schnipp“ macht die Schere, Marlise zieht den Faden aus dem Leinen. Manchmal reißt er, dann schweben seine Reste wie Schneeflocken zu Boden.

Wenn alles fertig ist, soll ein Erbslochhohlsaum den Tuchrand zieren. Ein Lochmuster, das aussieht, als hätten sich die kleinen Gemüsekugeln durch den Stoff gebohrt.

Bisher bohrt nur Marlises Stecknadel. Aus sechzehn Fäden pro Zentimeter muss sie den Richtigen herausziehen. Dafür muss die Grundschullehrerin so präzise sein wie ein Hirnchirurg mit seinem Skalpell. Und so geduldig. Mehr als sieben Zentimeter Erbslochhohlsaum wird Marlise bis zum Ende des Kurses nicht geschafft haben.

Sonntagsworkshop in der Galerie Grün

Sonntagsworkshop in der Galerie Grün (Herrnstraße 57a). Zwischen weißen Wänden, auf weißen Stühlen an einem weißen Tisch sitzen vier Frauen. Marlise (58), Marlene (70), Katja (41) und Gabriele (56). Sie wollen in sieben Stunden von der schwarz gekleideten Sabine Perez die Kunst der Weißstickerei lernen. Dabei verzieren sie weißen Stoff mit weißem Faden.

Seit einem halben Jahr bietet Sabine Perez, die einen Master als Handstickerin gemacht hat und seit 2004 als freischaffende Künstlerin tätig ist, in ihrem Atelier diese Kurse an. Ein Weg, um die Handwerkskunst vor dem Aussterben zu bewahren. Heute beherrschen sie nur noch wenige, meist alte, Bäuerinnen. Der zweite Weg, den die 46-Jährige geht, damit die Stickerei nicht verschwindet: Sie verziert Pappteller mit zarten Stichen, veredelt Papiertaschentücher mit filigranen Mustern – sie verbindet Wegwerfgesellschaft mit Tradition. Dafür erhielt sie 2011 den Hessischen Staatspreis für das Deutsche Kunsthandwerk.

Man könnte die Sticknadel fallen hören

Marlise friemelt noch. Um sie herum konzentrierte Stille, ab und zu ein Seufzer. Man könnte die Sticknadel fallen hören. Weil sie Marlise die Arbeit erleichtern will, baut Sabine Perez eine Lupe mit Lampe vor ihr auf. „Sticken kann für die Augen ganz schön anstrengend sein und dann zu Verspannungen führen“, erklärt sie ihr dabei und schwärmt: „Wenn ich mit Lupe sticke, dann tauche ich in den Stoff. Ich bin in der Struktur. Tiefer kann ich nicht gehen.“

Nur die Nadel geht manchmal noch tiefer. Marlene unterdrückt einen kleinen Schrei, versucht stattdessen den Schmerz wegzuatmen. Die 70-Jährige sitzt schräg gegenüber von Marlise und kommt mit dem Fädchenziehen gut voran. „Ich habe mich so auf diesen Tag gefreut“, plaudert Marlene in die Handarbeitsrunde. Seit sie auf einer Osterausstellung die Weißstickerei-Arbeiten einer Schwälmer Bäuerin gesehen hat, wollte sie das unbedingt ausprobieren. Sabine Perez beobachtet sie und lobt ihre Fingerfertigkeit. „Ich sehe das mehr als meditative Aufgabe“, entgegnet Marlene und arbeitet weiter.

Fäden entlang aller vier Seiten

Die Schülerinnen ziehen Fäden entlang aller vier Seiten. Sie lichten den dichtgewebten, weißen Stoff, um später in die Hohlräume die Erbsen zu sticken. „So entsteht rundum eine Linie wie ein Bilderrahmen“, erklärt ihnen die Kursleiterin.

Katja, gegenüber von Marlise, hat ihren Rahmen fast fertig gezogen. Der 41-jährigen Schneiderin fehlen nur noch die Ecken. „Die Fäden können sich gleich küssen. Vorsichtig, wie zwei Verliebte, gehen sie nun aufeinander zu“, beschreibt Sabine Perez ihr den nächsten Schritt. „Aber schneide sie am Ende nicht ab, lass drei Fingerbreit stehen. Sonst entsteht ein…“, sie überlegt, „…Knurzel-Burzel-Schnurzel.“ Was immer das ist – das will keine an ihrem Deckchen.

Katja kann als Erste damit beginnen, das Stickgarn vorzubereiten. Dafür muss sie das feine Garn auf selbstgebastelte Rollen wickeln. Ruhig und langsam. Hast wird mit Knotenchaos bestraft, das nur noch die Schere lösen kann. Marlise beobachtet sie. Ein bisschen neidisch. „Beim Sticken ist es wie beim Yoga: Jeder hat sein eigenes Tempo“, versucht Sabine Perez ihre Schülerin zu beruhigen.

„Das Entspannende“

„Das mag ich ja am Sticken, das Entspannende“, nimmt Marlises Tischnachbarin Gabriele den Gesprächsfaden auf. Das Stickgarn schlingt sie auch schon um ein Röllchen. „Wieviel Meter sind das?“, fragt sie und manövriert den Faden um zwei Becher, die ihn auseinanderhalten, und auf ihre Rolle. Die Antwort bleibt aus. So genau wollte sie es wohl auch nicht wissen. Dann darf auch Marlise endlich wickeln. Sie grinst ein bisschen. „Jetzt geht’s ja, das macht Freude.“

Bis zum Ende des siebenstündigen Workshops schaffen es weder sie noch Gabriele, Katja oder Marlene das ganze Deckchen mit dem Hohlsaum zu verzieren. Sticken ist Millimeterarbeit. Über eine Handbreit Erbsenkette kommt keine hinaus. Marlise will die Arbeit zuhause noch zu Ende bringen, mehr aber auch nicht: „Sticken wird nicht mein Hobby“, meint sie.

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