Stromschlag in der City

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Normalerweise hängen die Steckdosen zu hoch - selbst für Erwachsenenhände. Foto:

Offenbach - Hariglia Bota ist besorgt und empört: Ihr dreijähriger Sohn bekam Anfang der Woche einen gewaltigen Stromschlag ab. Von Cora Werwitzke

Und zwar nicht irgendwo, sondern mitten in der Offenbacher Fußgängerzone. Ein Stromkabel für die Weihnachtsbeleuchtung, das in der Frankfurter Straße von einem Bäumchen baumelte, verpasste dem Kleinen geballte 220 Volt.

„Sinan ist ein bisschen vorneweg gerannt“, erinnert sich seine Mutter. In Höhe der Boutique New Yorker blieb er an einem Baumgitter stehen und kam kurz darauf ganz erschrocken zurückgelaufen. Im ersten Moment dachte Hariglia Bota an einen Insektenbiss. Was sich dann aber herausstellte, lässt jeder Mutter das Blut in den Adern gefrieren: Ihr Söhnchen hatte eine gewischt bekommen, weil eine defekte Steckdose, mit offenen Kontakten in Griffhöhe des Dreijährigen baumelte. Eine leichte Berührung der unter Spannung stehenden Kupplung reichte aus und durch Sinans Körper jagte eine gefährliche Ladung Strom. Wegen der feuchten Witterung leitete die Steckdose besonders gut. Das Kind kam mit Herz-Rhythmus-Störungen ins Krankenhaus. Nach einer Beobachtungsphase ist es inzwischen wieder zu Hause.

„Der Vorfall macht uns betroffen“

Wie konnte sich ein solcher Unfall mitten auf der Einkaufsmeile ereignen? Zuständig für die Weihnachtsbeleuchtung ist der Gewerbeverein „Treffpunkt Offenbach“. Dessen Vizevorsitzender Klaus Kohlweyer ist Chef der auf Elektroinstallationen im öffentlichen Raum spezialisierten Firma Erko und kümmert sich auch um die Stromversorgung vor Ort.

„Der Vorfall macht uns betroffen“, sagt Kohlweyer. Er weiß aus eigener Erfahrung, was ein Stromschlag bedeutet. Der Fachmann erläutert, dass auf der Anlage normalerweise kein Strom sei - außer im Advent. Normalerweise: Diesmal aber war der Strom angeschaltet war, weil eine Reinigungsfirma dieser Tage die Anschlüsse zum Betrieb ihrer Geräte benutzte. Jene Steckdose, die Sinan den Schlag verpasste, war offenbar durchgeschmort und nicht wie üblich oben am Baumstamm festgezurrt.

Es wurde fahrlässig geschlampt - so viel steht für Kohlweyer fest. Erste Anhaltspunkte, in welchem Ausmaß, liefert ihm eine Untersuchung der Steckdose. Er geht davon aus, dass die Steckverbindung bei den Reinigungsarbeiten durchgebrannt ist: „Als Mitarbeiter der ODG (Offenbacher Dienstleistungsgesellschaft, Anm. d. Red.) ihr Gerät abstöpseln wollten, war der Stecker wohl fest gebrannt.“

Herz-Rhythmus-Störung  und überhöhte Blutwerte

Wahrscheinlich wurde die Steckverbindung mit Gewalt gelöst, dabei rutschte das Kabel nach unten, ein Stift des Steckers blieb in der Kupplung stecken. Das könne mal passieren, unverantwortlich sei aber, dass alles so belassen worden sei, empört sich Klaus Kohlweyer. Seine Elektrofirma wurde nicht über den Defekt informiert, auch nicht über das Ende der Reinigungsarbeiten. „Deshalb war überhaupt noch Strom drauf“, bedauert Kohlweyer. Inzwischen habe sich ein Mitarbeiter der Reinigungsfirma zu den Fehlern bekannt.

Wie gut Sinan den Stromschlag überstanden hat, lässt sich derweil noch nicht abschließend sagen: Neben einer Herz-Rhythmus-Störung litt der Dreijährige nach dem Unfall an überhöhten Blutwerten. Äußerlich sieht man Verbrennungen am Finger. Entwarnung ist erst einmal fehl am Platz: „Die Ärzte haben angekündigt, dass Sinan noch über Jahre hinweg medizinisch beobachtet werden muss“, erzählt seine Mutter. Die Diplom-Pädagogin und ihr Mann haben sich inzwischen dazu entschlossen, Anzeige zu erstatten.

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