Potenzial erkannt: Bezahlbare Räume für unterschiedliche Ansprüche

Studenten vermieten Büros in City-Center

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Auf der B-Ebene des City-Centers soll künftig gegärtnert werden: Zumindest, wenn es nach Sebastian Becker (links) und Phileas Laoutides geht, hier mit Modedesignerin Amivi Gunn.

Offenbach - Seit September vermietet eine Gruppe junger Leute Arbeitsräume in den zuvor leerstehenden Etagen des City-Centers am Marktplatz. Das Konzept umfasst nicht nur Büros und Ateliers: Geplant sind auch Veranstaltungen in dem und rund um das Gebäude. Von Julia Radgen

Es liegt zentral in der Innenstadt, direkt an der S-Bahn-Haltestelle Marktplatz, und ist hoch genug, um einen Ausblick über die ganze Stadt ermöglichen: Das Potenzial des City-Centers an der Berliner Straße hat eine Gruppe Studenten erkannt. Bezahlbare Räume für unterschiedliche Ansprüche und Aussicht vom „größten Balkon der Stadt“ – damit wirbt das Kollektiv aus Anfang Zwanzigjährigen für ihr Projekt „Upper City Centre“. „Es ist das erste, was man vom Marktplatz aus sieht“, sagt Phileas Laoutides. Der Student und sein Kommilitone Sebastian Becker gehören zu der Gruppe, die dem von außen schmucklosen Gebäude zu neuem Glanz verhelfen will. Die oberen Etagen des in den 1970ern erbauten Einkaufszentrums, das dem Frankfurter Unternehmen Josef Buchmann gehört, stehen seit fast zehn Jahren leer. Früher residierte dort das Ordnungsamt, wie ein Schild noch verrät. Heute finden dort Designer, Architekten und Künstler Platz.

„Wir haben ein Konzept für das Gebäude entwickelt“, sagt Becker. Den Anstoß hatte die Bürgerbeteiligung zum Marktplatzumbau geliefert. Die Idee kam beim Besitzer gut an – jetzt dirigieren die Nachwuchs-Verwalter vom obersten Stockwerk aus die Vermietung. Einen großen Teil ihrer studienfreien Zeit verbringen sie im Gebäude, erzählt Becker. Da ist viel zu tun: Sie kümmern sich um die Mieter, führen Interessenten herum, pflegen die Internetseite, sehen nach dem Rechten. Von den Fluren gehen die zwischen 16 und 50 Quadratmeter großen Räume ab; die Warmmiete beginnt bei 160 Euro. Mittig gibt es auf jeder Etage einen Gemeinschaftsraum und eine Küche. „Die Leute sollen miteinander ins Gespräch kommen“, erklärt Becker.

Gemietet werden können Räume als Ateliers oder Büros, aber auch für Ausstellungen und Feiern – stunden- und tageweise oder langfristig. Prinzipiell wollen die Macher alles ermöglichen. „Wir versuchen, Kreativwirtschaft im Haus anzusiedeln“, sagt Laoutides. Vielfalt ist erwünscht: „Auch Informatiker und Leute aus dem Finanzsektor mieten.“ Die junge Modedesignerin Amivi Gunn arbeitet seit kurzem dort. In ihrem Atelier schneidert sie, es finden Anproben und Fotoshootings statt. „Ich habe viel Platz“, sagt die gelernte Maßschneiderin mit westafrikanischen Wurzeln, die ein Modelabel besitzt. Wer einen Raum übernimmt, findet einen kargen, renovierten Ort vor, der erst mit Leben gefüllt werden muss. Dieses „Rohe“ gefalle ihr, sagt die Modedesignerin. „Weil viele Kreative arbeiten, gibt es einen produktiven Austausch“, lobt Gunn.

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Nicht nur im Gebäude wollen Becker, Laoutides und ihre Mitstreiter Austausch fördern: „Wir wollen Marktplatz und B-Ebene beleben.“ Ab Frühjahr sind Flohmärkte, Modenschauen, Jazzkonzerte und ein Beitrag zur Luminale geplant. Die B-Ebene soll durch Urban Gardening begrünt werden. Die Stadt befürworte ihre Initiative, erzählen die Hausverwalter, auch wenn es mit finanzieller Unterstützung schwierig aussehe. „Wir strecken unsere Fühler aber nach Kooperationen aus“, sagt Becker. Mit dem Jugendamt stehen sie in Kontakt, eine Zusammenarbeit beim Projekt „Jugend stärken im Quartier“ ist angedacht. Das Programm fördert die kommunale Jugendsozialarbeit.

Angst, dass ihr Projekt wie ähnliche Ideen scheitern könne, haben sie nicht. „Wir haben ein gutes Gefühl“, sagen die beiden und zählen auf die Beteiligung von Mietern und Gästen. „Letztlich liegt es an ihnen, das Projekt zu entwickeln“, meint Becker. Bisher sei ein Drittel der Räume vermietet. Erfolgsdruck empfindet Becker nicht. „Wenn wir fünf Leuten einen Raum vermitteln können, haben wir schon etwas erreicht.“ Denn alles sei besser als Leerstand. Mehr Informationen unter www.uppercitycenter.de.

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