Die Stunde der Frauen

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Die Offenbacher Antwort auf Kate und William? Nein, nur ein spontaner Zuneigungsbeweis zweier parlamentarischer Urgesteine. Ulla Peppler (SPD) bedankt sich als Alterspräsidentin mit Blumen bei Erik Lehmann (CDU) für dessen Tätigkeit als Stadtverordnetenvorsteher. Foto: Georg

Offenbach - Neue Gesichter, neue Sitzordnung, neue Legislaturperiode: Wenn man selbst alten politischen Hasen und Häsinnen ein wenig die Aufregung anmerkt, dann muss so eine konstituierende Sitzung eines Stadtparlaments wohl schon etwas Besonderes sein. Von Matthias Dahmer

Das ist sie an diesem Montagabend auf jeden Fall für Ulla Peppler. Die 76-jährige SPD-Stadtverordnete hat nach Eröffnung der Sitzung durch den Amtskette tragenden Oberbürgermeister die zweifelhafte Ehre, das älteste der 71 Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung zu sein. Weshalb ihr die unzweifelhafte Ehre gebührt, den Vorsitz im Plenum zu übernehmen, bis ein neuer Parlamentschef gewählt ist.

Und Alterspräsidentin Peppler nutzt die Gelegenheit zunächst für nachdenkliche Töne: Angesichts der geringen Wahlbeteiligung bei der Kommunalwahl, die zuvor schon OB Horst Schneider thematisiert hat, müsse sich jeder Volksvertreter die Frage stellen, ob er tatsächlich noch vom Volk gewählt sei. Weshalb über neue Formen in der Politik, wie etwa eine verstärkte Bürgerbeteiligung, nachgedacht werden müsse.

Kritik übt Ulla Peppler am Wahlsystem, stellt die Frage, ob eine Personenwahl wirklich demokratisch ist. Es hätten so viele junge Leute bei der Kommunalwahl kandidiert, doch die älteren seien bekannter und so sehe man im Parlament weitgehend doch wieder dieselben Gesichter.

Jüngstes Mitglied ist die 19-jährige Fiona Merfert

Zu diesen gehört definitiv nicht Fiona Merfert. Die 19-Jährige aus der Linken-Fraktion ist jüngstes Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Ulla Peppler überreicht ihr als Willkommensgeschenk eine Sanduhr - wenn es wegen des „männlichen Redewahns mal wieder länger dauert“.

Weil Frauen in der Stadtverordnetenversammlung nur ein Drittel ausmachen, appelliert Ulla Peppler an die Fraktionen, Ausschüsse und Aufsichtsräte künftig doch bitte paritätisch zu besetzen.

Blumen hat sie für einen überraschten Erik Lehmann (CDU), der bei der Kandidatur fürs Amt des Stadtverordnetenvorstehers seiner Parteikollegin Sieglinde Nöller den Vortritt gelassen hat. Die 59-jährige Rechtsanwältin wird denn auch bei Enthaltung der Linken und der Reps einstimmig zur Ersten Bürgerin gewählt. „Heute ist Frauenpower angesagt“, kommentiert Ulla Peppler die Wahl.

Der CDU-Politikerin Nöller, die bislang in den hinteren Reihen saß, gelingt ein launiger, lockerer Einstieg in ihr Amt. „Die Rücken kenne ich schon alle, jetzt sehe ich auch die Gesichter.“ Charmant und so ganz Kontrastprogramm zu ihrem knorrigen Vorgänger Lehmann umschifft sie erste Klippen der Versammlungsleitung.

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