Sturm ohne Konfettiregen

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Karnevalisten übernehmen Kommando über das Rathaus und die Stadtkasse

Offenbach ‐  Die französische Besatzung zu Beginn des 19. Jahrhunderts hinterließ ihre Spuren. Nicht nur in der Rechtssprechung, sondern auch im Karneval. Wenn die Fastnachtsgarden ihre Freude daran haben, im Gleichschritt und mit hohen Hüten durch die Straßen zu marschieren, „war das ursprünglich eine Persiflage auf die Besatzer“. Von Stefan Mangold

Das erklärte Thorsten Haag, der Präsident des traditionsreichen Karnevalsvereins der Kolpingelfer am Samstag beim Warten auf ein besonderes Fasnachts-Ritual. Auch die Orden, die die Narren auf ihren Sitzungen einander umhängen, waren einst als Jux auf die Armee gemeint.

Schon lange vor dem großen Ereignis hörten die Offenbacher in der Innenstadt während ihrer Einkäufe das Drumcorps The Devils. Die Truppe unterhielt den Wilhelmsplatz und die Frankfurter Straße musikalisch. Um 13.11 Uhr standen dann die Narren dicht zusammen vor dem Rathaus. Denn es galt, das Gebäude zu nehmen und dem Oberbürgermeister die Regentschaft über die Stadt zu entziehen. Der Sturm aufs Rathaus ist ein Höhepunkt der fünften Jahreszeit.

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Rathaussturm

„Ihr habt jetzt lang genug gepennt, der Büroschlaf, der hat e` End“, begehrte Manfred Roth, der Vorsitzende des Offenbacher Karnevalsvereins, Einlass und Zugang zur Stadtkasse. Doch dem Drängen des Narrenvolks sofort nachgeben, darf ein Stadtoberhaupt auf keinen Fall. Oberbürgermeister Horst Schneider leistete Widerstand: „Ich glaub`, ihr Narren seid besoffe, mein Kämmerer iss ganz betroffe, er teilt mir mit, ja bitte sehr, es gibt kei` Geld, die Kass` is leer.“ Was der Kämmerer Michael Beseler bestätigen konnte. Denn der stand mit Schneider und dem Dezernenten Enno Knobel auf dem „Offenbacher Beamtenschiff“. Das Boot hatte der Ruderverein Wiking bereit gestellt. „Zum Umzug am Sonntag, 7. Februar, schmücken wir das Ding noch,“ versprach Manfred Reißmann, Vorsitzender der Karnevalsabteilung der Ruderer. Reißmann wird bei der Übertragung dem hr als Co-Kommentator zur Seite stehen.

Den Widerstand des Triumvirats auf dem Schiff wollte Karl-Heinz-Eitel, der seit fünf Jahren den Till beim Rathaussturm gibt, mit dem Einsatz von Geschützen brechen. „Mir wern jetzt die Kanone lade unn euch damit eins überbraade. An die Kanone, Feuer frei, un mitte vors Rathaus nei.“ Der anschließende Schuss und der Konfettiregen blieben jedoch aus. Schon vorher hatte die Kanone ihren Geist aufgegeben. Dennoch war das der Punkt, an dem der Oberbürgermeister zurücksteckte und zum Zeichen der Kapitulation die weiße Fahne hisste: „Wir geben auf den Widerstand un gebbe hiermit laut bekannt, wir gebbe euch, was ihr begehrt, drum sei der Zutritt euch gewährt.“

Dann feierten alle im Foyer des Rathauses mit dem Prinzenpaar Carolin I. und Matthias II. Die Brass and Marching Band aus Eschborn spielte auf. Anschließend luden noch die drei Stadtoberen das Prinzenpaar, den Präsidenten Manfred Roth und deren Gefolge zu Brezeln und Sekt. Für Heiterkeit sorgte das Kinderprinzenpaar Alicia I. und Prinz André I. von Burgilla, Hofdame Juliana Geyer und der pfiffige Mohr Maxi Winter.

Einen Orden verlieh Tobias Stephan, der Vorsitzende der Ranzengarde aus Bürgel, Martin Haustein, dem Gebietsleiter der Radeberger Gruppe. Die wird am Sonntag auf dem Festzug einen Wagen stellen und sorge tragen, dass niemand verdurstet.

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