Wildhof warnt Passanten vor hohem Suchtpotenzial

Spielautomaten: Gefährliche Allesfresser

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Barbara Hanelt-Thomas (Mitte) informiert Fußgänger auf dem Aliceplatz über die Gefahr am Geldspielautomaten.

Offenbach - Der schnelle Gewinn am Automaten ist ein Trugschluss. „Man kann nur verlieren“, weiß Sozialtherapeutin Barbara Hanelt-Thomas. Zu oft, zu schnell führt das Glücksspiel in die Sucht mit ähnlich schwerwiegenden Folgen wie der Alkoholismus. Von Fabian El Cheikh

Doch die Gefahr wird unterschätzt. Ein Grund für das Suchthilfezentrum Wildhof, vor dem Glücksspiel zu warnen.

„Bitte nicht füttern“ steht auf dem Zaun geschrieben. Hanelt-Thomas und ihr Kollege Egon Heeg-Matthaei müssen sich schon etwas einfallen lassen, um die Blicke der Passanten am Aliceplatz auf sich zu ziehen. Hinter dem Gitter steht wie ein Tier im Zoo ein täuschend echt wirkender Spielautomat – ein Blickfänger, der so manchem Fußgänger Reiz genug ist, um stehen zu bleiben und sich zu vergewissern, was da eigentlich Sache ist.

Die beiden Berater des Suchthilfezentrums, das in Offenbach und Dietzenbach beheimatet ist, klären auf: Das „Geldspielgerät“ gehört zur Familie der Glücksspiele, seine Herkunft geht auf ein US-amerikanisches Exemplar zurück, das erstmals 1889 als „einarmiger Bandit“ registriert wurde. Nur wenig später fand es seine Ausbreitung in Deutschland, gefördert durch Maßnahmen der Automatenindustrie.

Druck der Kommunen wächst

Lebensraum des „Geldspielgeräts“ sind geschlossene Räume in größeren Städten, es soll aber auch zunehmend in ländlichen Gegenden gesichtet worden sein. „Die gibt es doch jetzt auch schon an Autobahnen“, zeigt ein 19-jähriger Passant tiefergehende Kenntnisse. „Sie ahnen es schon“, meint Hanelt-Thomas, „das Gerät ist nicht vom Aussterben bedroht“. Im Gegenteil: Bis vor kurzem konnte es sich quasi unkontrolliert vermehren.

Zwischenzeitlich hat die abgewählte schwarz-gelbe Landesregierung auf Druck der Kommunen reagiert: Die Neufassung des hessischen Glücksspielgesetzes gibt restriktiver vor, wie Geldspielautomaten funktionieren und wo sie stehen dürfen. Und die Stadt Offenbach versucht ihrerseits, Spielhallen – und nur noch so dürfen sich „Casinos“ oder „Spielotheken“ nennen – im Zuge baurechtlicher Möglichkeiten zu verdrängen. Doch das reicht nicht, findet Hanelt-Thomas: „Meiner Meinung nach müssten die Automaten aus allen Gaststätten und Imbissbuden verschwinden.“ Gerade dort, so zeigt sich auch im Gespräch mit Jugendlichen und jungen Männern, die davon gern mal Gebrauch machen, ist der Zugang zum Glücksspiel besonders einfach.

Mindestalter wird oft ignoriert

„Klar zocken wir mal, aber mehr als 15 Euro werfe ich nicht rein“, behauptet ein 18-Jähriger. Hanelt-Thomas weiß von Imbissbuden zu berichten, etwa im Cinemaxx-Komplex, die nur existierten, um Automaten aufstellen zu können. „Gerade an solchen Orten wird oft genug nicht darauf geachtet, dass Glücksspiel erst ab 18 Jahren erlaubt ist.“

Der Automatenbetrieb ist für die Branche höchst lukrativ: Der Gesamtumsatz des deutschen Glücksspiel-Markts lag laut der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen im Jahr 2011 bei 32,5 Milliarden Euro. Mehr als die Hälfte entfallen auf Geldspielautomaten – etwa 18 Milliarden. Die Verluste der Spieler sind gleichzeitig die Profite der Anbieter. „Das Geschäft mit dem Glücksspiel hat Hochkonjunktur.“ Entsprechend groß sei der Druck der Industrie auf die Politik. „Auch in Offenbach“, deutet Hanelt-Thomas vorsichtig an.

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Sie behält den Markt genau im Auge und verweist in einer Fachzeitschrift darauf, dass allein in Hessen die Zahl der Geldautomaten von 1998 bis 2012 von 476 auf 1 110 Geräte gewachsen ist. Der Umsatz stieg im selben Zeitraum in Gaststätten von 26,8 auf 40,4 Millionen Euro, in Spielhallen gar von 62 auf 245 Millionen Euro. Alle Formen des Glücksspiels sind gefährlich, betont die Expertin. Im Gegensatz zum Lotto aber erlebe der Zocker am Automaten in kürzesten Abständen Glücksgefühle, eine Hormonausschüttung, die das „Kick-Gefühl“ gibt wie beim Spritzen von Heroin, und deshalb schnell zur Sucht führe.

Was dann geschieht, ähnelt anderen Suchtformen. Das „Geldspielgerät“ verschlingt Lohn und Gehalt, die Wohnung, Beziehungen, Freunde, den Job und die Gesundheit. Es tarnt sich als Freizeitvergnügen und produziert Elend. Ein Allesfresser, den es zu meiden gilt.

‹ Kontakt zum Wildhof: offenbach@shz-wildhof.de oder unter Telefon 069 981953-0.

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