Suchtabteilung des Sana-Klinikums

Acht Flaschen Bier am Tag

Offenbach - Was erwartet alkoholabhängige Menschen, die sich zur stationären Suchtbehandlung in einer Klinik entschlossen haben? Der Autor, Diplom-Psychologe am Sana- Klinikum, schildert den Alltag in der Suchtabteilung der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie um Chefarzt Dr. Till Glauner. Sie ist die wichtigste klinische Anlaufstelle für Alkoholkranke aus Stadt und Region. Von Martin Meding 

Michael Z. (Name von der Redaktion geändert) ist seit einer Woche im Sana-Klinikum zur „qualifizierten Entzugsbehandlung“. Der körperliche Entzug ist seit zwei Tagen abgeschlossen. Z. bekam zur Entgiftung das Medikament Distraneurin, anfangs acht Kapseln, dann jeden Tag zwei Kapseln weniger. So wird der Alkoholentzug körperlich erträglich. Von da an verlangt der Körper nicht mehr nach der Droge. Die Psyche jedoch verlangt weiter danach.

Deshalb folgt dem körperlichen Entzug die psychische Stabilisierungsphase mit Stärkung der Abstinenzmotivation und ersten therapeutischen Sitzungen, um Rückfällen vorzubeugen. Die Nachsorge muss geklärt werden, sonst ist ein Rückfall sehr wahrscheinlich. „Als ich im Klinikum ankam, brauchte ich erst einmal zwei Tage, um mich körperlich einigermaßen zu erholen“, sagt Z. Seitdem gehe es besser. Auf der Station 711 sind nur Suchtpatienten. „Am Anfang kam ich mir ganz schlecht vor, dass ich, weil ich den Alkohol nicht mehr im Griff hatte, ins Krankenhaus musste“, berichtet er im Nachhinein.

Die täglichen Gruppengespräche und die Gespräche unter den Patienten hätten ihm geholfen, die Alkoholabhängigkeit als Krankheit zu sehen, ähnlich wie Diabetes oder Bluthochdruck. Zusätzlich besucht Z. die Entspannungsgruppe. Dort lernt er die progressive Muskelentspannung. „Ich war zwar erst zweimal in dieser Gruppe, aber ich merke, wie ich wirklich runter komme“, lobt der Patient. Er könne sich vorstellen, diese Übungen zu Hause auszuprobieren, damit er in Stresssituationen nicht mehr zum Bier greifen müsse.

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Z. kam mit dem Rettungswagen in die Zentrale Notaufnahme. Er war hilflos an der Bushaltestelle liegend gefunden worden. Sein Zimmerkollege Klaus W. (Name geändert) kam angemeldet zum Entzug. Seine Ehefrau und Arbeitskollegen hatten ihn auf seinen übermäßigen Alkoholkonsum angesprochen, den er anfangs zu leugnen versucht hatte: „Ich habe zuletzt etwa acht Flaschen Bier täglich getrunken und bin froh, reinen Tisch gemacht zu haben.“ Er sehe wieder eine Perspektive.

Schon vor dem körperlichen Entzug hat sich W. über die Suchtberatungsstelle zu einer stationären Langzeittherapie in einer Fachklinik angemeldet. Jetzt soll er nahtlos von der qualifizierten Entzugsbehandlung zur stationären Entwöhnungsbehandlung verlegt werden, bei der die psychische Seite der Sucht behandelt wird.

W. hat sich Gedanken gemacht, welche Themen er besprechen möchte: „Ich will mit meinen Therapeuten herausfinden, warum ich mich immer wieder überfordere und mir mehr Arbeit aufhalse, als ich schaffen kann. Dann kommt es meist zum Streit mit meiner Frau.“ Um davon abschalten zu können und sich wieder runterzufahren, habe er getrunken. Das will er ändern. „Wie genau, weiß ich noch nicht.“

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