Sultan fand in Offenbach eine neue Heimat

„15 Jahre Krieg sind genug“

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Kochen gehört zu den Hobbys von Sultan, der aus der somalischen Hauptstadt Mogadischu nach Deutschland geflohen ist. Im Theresienheim auf der Rosenhöhe ist er untergekommen.

Offenbach - Sultan spielt gern Fußball, hat Spaß am Kochen und hört Hip-Hop und Rap, so wie die meisten Jugendlichen in seinem Alter. Doch hinter Sultan liegt eine lange Reise. Er kommt aus Mogadischu, der Hauptstadt Somalias. Von Peter Klein

Seit mehr als 20 Jahren herrscht dort Bürgerkrieg. Die radikal islamistischen Al-Shabaab-Milizen beherrschen weite Teile des Landes, zeitweise auch die Hauptstadt Mogadischu. Als Sultan 15 Jahre alt ist, klopfen die Milizen bei seinen Eltern an die Tür. Sie wollen den Sohn. Mit 15 sei er alt genug zu kämpfen und solle sich ihnen anschließen. Andernfalls müssten die Eltern der Al-Shabaab Geld geben.

Sultans Vater weiß jedoch, dass es bei einer einmaligen Geldzahlung nicht bleiben wird. Die Milizen werden wiederkommen. So schickt er seinen Sohn schweren Herzens weg. Über Kenia, den Sudan und durch die Sahara nach Libyen. Bis zum Sudan begleitet ihn ein Freund seines Vaters, dann muss er selbst sehen, wie er weiterkommt. Schließlich findet sich Sultan auf einem Schlauchboot im Mittelmeer wieder. „Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass die Luft raus geht“, erzählt er rückblickend. Schließlich landet er bei der hessischen Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Gießen. Dort gibt es ebenso wie in Frankfurt eine Clearingstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Sultan wird als minderjähriger Flüchtling dem Landkreis Offenbach zugewiesen. Das Jugendamt stellt ihm einen Betreuer und schickt ihn in die Jugendhilfeeinrichtung Theresienheim auf der Rosenhöhe.

Das Theresienheim kümmert sich zurzeit um 58 minderjährige Flüchtlinge, wie die zuständige Bereichsleiterin Esmat Darabpour berichtet. Dabei sind die jüngsten gerade einmal 13 Jahre alt. Sie kommen aus Somalia, Afghanistan, Eritrea oder dem Bürgerkriegsland Angola, um nur einige Staaten zu nennen. Sie leben in Wohngruppen im Landkreis oder direkt im Heim auf der Rosenhöhe. Bis ihr Status als Asylsuchender geklärt ist, bekommen die Jugendlichen eine Aufenthaltsgestattung. In Somalia bereitete sich Sultan auf den Übergang zur High School vor, als diese geschlossen wurde. Dort lernte er erst einmal Deutsch und macht dieses Jahr seinen Hauptschulabschluss, aber er möchte noch die mittlere Reife schaffen und eine Berufsausbildung absolvieren. Über Somalia redet er nicht gern. Fragt man ihn nach seinen ersten Eindrücken über Deutschland, dann sagt er ohne Zögern: „Endlich Frieden.“ Er erzählt, dass er das erste Mal in seinem Leben gründlich untersucht worden sei, lächelt und deutet auf seinen Mund „Ich habe sogar eine Zahnspange bekommen“, sagt der 18-Jährige.

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So wie die Zahl der Flüchtlinge weltweit steigt auch die Zahl der Kinder, die alleine eine neue Heimat suchen. Zuständig sind die Jugendämter des Ortes, an dem sich das Kind meldet oder aufgegriffen wird. Auch in der Clearingstelle des Jugendamtes Frankfurt sind die Zahlen sprunghaft gestiegen. Von 351 im Jahr 2012 auf 881 von Januar bis November 2014. Wie Manuelle Skotnik, Pressesprecherin des Sozialdezernats berichtet, sind auch dort die meisten 16 oder 17 Jahre alt, die jüngsten gerade einmal 13. Sultan steht in der Küche, an diesem Nachmittag gibt es Spaghetti Bolognese. Gern würde er auch mal eine somalische Spezialität kochen, Kamelfleisch mit Bananen, doch dafür gibt es die Zutaten nicht. Vergangenen Oktober hatte er Gelegenheit, mit seinen Eltern zu telefonieren, doch mit seinem Herkunftsland hat er abgeschlossen: „15 Jahre nur Krieg sind genug. Ich will in Frieden leben und zur Schule gehen.“

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