Wie Offenbacher Kindergärten den „Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen“ gestalten

Summen und Klatschen statt Singen

Offenbach Kindergarten Zaun Bilder gemalt Kinder
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Kontakt nur über Botschaften am Zaun – mehr war nicht möglich, als die Kindergärten, wie hier Hl. Kreuz, coronabedingt geschlossen waren. Mittlerweile ist wieder Regelbetrieb, aber dennoch einiges anders.

In Zeiten der globalen Corona-Krise hat jeder seine eigenen großen und kleinen Krisen zu meistern. Besonders herausfordernd waren die vergangenen Monaten für Familien, deren Alltag sich von einem Tag auf den anderen änderte, Kindergarten, Schule und soziale Kontakte wegfielen. Seit den Sommerferien sind die Kitas wieder im Regelbetrieb – unter Pandemiebedingungen.

Offenbach - „Jedes Kind darf kommen, es besteht wieder Rechtsanspruch auf einen Platz“, erläutert Roberto Priore, Leiter des Eigenbetriebs Kommunale Kindertagesstätten Offenbach (EKO). Schrittweise arbeiteten sich die Einrichtungen in Richtung Öffnung vor – durften sie am Anfang lediglich Notbetreuung für Kinder von Eltern in „systemrelevanten“ Berufen anbieten. „Schon im Juni war die Kita am Klinikum sehr voll. In die Kita 18 in der Innenstadt ging dagegen eine Zeit lang gar kein Kind“, verdeutlicht Priore die Unterschiede zwischen einzelnen Kommunalen Einrichtungen. Als die Corona-Verordnung eine Ausweitung der Öffnung erlaubte, bemühte sich die Stadt, möglichst vielen Kindern wieder regelmäßigen Besuch zu ermöglichen. „Besonders denjenigen, von denen wir wussten, dass Förderbedarf besteht“, sagt der EKO-Chef.

Die meisten Offenbacher Eltern sind erleichtert

Die meisten Eltern schicken ihre Kinder mit Erleichterung in die Kita. Einige aber lassen sie aus Angst vor einer Ansteckung noch zu Hause. „Die reale Präsenz ist etwas kleiner als vorher“, berichtet Priore. Entlastung für die Einrichtung bedeute das jedoch nicht, da auch das ohnehin knappe Personal reduziert ist. 25 der 360 Erzieher der EKO-Kitas sind freigestellt, da sie Risikogruppen angehören. Normalerweise verfällt der Anspruch auf einen Platz, wenn ein Kind vier Wochen lang nicht gebracht wird. Diese Konsequenz hat der EKO zunächst bis zu den Herbstferien aufgehoben.

Spielen, Toben, Vorlesen, gemeinsame Mahlzeiten – in den Kitas herrscht wieder so etwas wie Alltag. Dennoch ist einiges anders als zuvor. „In den Räumen sind die Gruppen streng voneinander getrennt“, sagt Claudia Brockmann, Leiterin der Kita der Evangelischen Markusgemeinde, die von 65 Kindergarten- und 20 Krippenkindern besucht wird. In der Einrichtung, die stets stolz auf ihr ansonsten offenes Konzept ist, wurden Gemeinschaftsräume wie die Kunstwerkstatt, das Bistro oder der Abenteuerraum zu Gruppenräumen umgewandelt. „Wir haben Fotos gemacht, wie es vorher aussah, um eines Tages wieder dahin zurückkehren zu können“, so die Leiterin. Nun orientieren sich Kinder an farbigen Markierungen, etwa welche Toiletten sie aufsuchen dürfen, kriegen Essen gereicht, statt es sich selbst zu nehmen.

Kinder sind stolz auf neue Selbstständigkeit

„Die Kinder finden sich sehr gut mit der Situation zurecht und wir sind begeistert, wie gut sie alles mittragen“, sagt Brockmann. Das Ausschlaggebende sei, dass die Erwachsenen es positiv vorleben und „nicht dasitzen und jammern“. Mittlerweile habe sich alles gut eingespielt, so manches sich gar als Gewinn entpuppt: „Wir haben jetzt immer ein morgendliches Beisammensein mit den Kindern, bei dem wir reden und kleine Spiele machen, das gefällt allen sehr gut.“ Auch die Vorgabe, dass Kinder nicht mehr in die Einrichtung hinein, sondern an der Tür abgegeben werden, gebe den Kindern Selbstbewusstsein. „Sie sind stolz auf ihre Selbstständigkeit, das ist jedenfalls ein positiver Nebeneffekt“, pflichtet Priore bei.

Was vielen Kindern und Erzieherinnen fehlt, ist das gemeinsame Singen – das ist verboten. Da müssen kreative Lösungen her: „Wir summen, wir klatschen, wir reden den Text“, erzählt Brockmann. In einigen Kitas dürfen externe Mitarbeiter nicht mehr kommen, etwa zur musikalischen Früherziehung.

Zahl der Neuanmeldungen ist in Offenbach stabil geblieben

Die Zahl der Neuanmeldungen ist stabil geblieben, seit den Sommerferien gibt es wieder Eingewöhnungen neuer Kinder. Die Eltern haben mit Maske zu erscheinen und sich im Hintergrund zu halten. „Von Besichtigungen der Einrichtung von interessierten Eltern sehen wir aber derzeit noch ab“, so die Leiterin der Markus-Kita.

EKO-Chef Priore berichtet, dass vor der Öffnung mit jedem Mitarbeiter Gespräche geführt wurden. „Manche hatten Ängste, die wir kommuniziert haben. Bei den meisten aber überwog die Freude, wieder mit den Kindern zu arbeiten.“ Für einige seien andere Aufgabengebiete gefunden worden. Sorge bereitet ihm, dass Erzieherinnen über sprachliche und andere Defizite berichten, die sich während der Schließung verstärkten. „Die meisten Spätfolgen werden wir erst noch zu spüren bekommen.“

Dass Kinder und ihre Bedürfnisse in Coronazeiten wieder mehr in den Blickpunkt geraten, wünscht sich auch Claudia Brockmann: „Die Kinder wurden am meisten beschnitten – auch von der Politik.“

Von Veronika Schade

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