Die Super-Säule sieht alles

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An diesen Stellen in Offenbach wird geblitzt.

Offenbach - Nächste Runde im ewigen Duell Mensch gegen Maschine: Auf Offenbachs wichtigster Ost-West-Achse gehen zwei zusätzliche Blitzer auf Temposünder-Pirsch. Eigentlich sind es sogar drei. Von Marcus Reinsch

Bis Ende nächster Woche wird ein nicht ständig kamerabewehrter Starenkasten herkömmlicher Bauart am Taunusring stadtauswärts installiert. Und bereits gestern erwachte ein doppeläugiges Modell der neuesten Generation auf dem begrünten Mittelstreifen des Spessartrings zum Leben. Es überwacht beide Fahrtrichtungen.

Das Blitzlichtgewitter begann Punkt 14.37 Uhr. Hoch, schlank, in silbergrauem Gewand mit dunkelrot getönten Rundumscheiben - dass die von der Wiesbadener Herstellerfirma Vitronic „PoliScan“ getaufte Metallstele wie eine magersüchtige Litfaßsäule aussieht, kann nicht über ihren unbändigen Appetit auf Fotos von Rasern hinwegtäuschen. In den altbekannten Knipskästen ratterte noch ein echter Film; nach rund 100 Auslösungen bescherte der Blitz allzu Eiligen zwar immer noch einen gehörigen Schrecken und die Furcht vor einem teuren Brief. Doch Beweismaterial gab es nicht mehr. Bis das dem etwa auf Höhe des Rotkreuz-Domizils am Spessartring montierten „PoliScan“ passiert, kann es dauern. Die Bilder sind digital, die Wechselfestplatte hält etwa 3 000 jeweils 8 Megabyte große Beweisfotos fest.

Am Taunusring ist alles vorbereitet, am Spessartring wird schon geblitzt.

Obgleich: Gestern verschoss die scharf geschaltete Staren-Säule ihre Lichtblitze fast ohne Unterlass. Zu ungewöhnlich der Standort zwischen den vier Spuren, zu unbekannt die äußere Erscheinung, als dass notorische Gasfüße schneller Verdacht geschöpft hätten, als ihr Auto fuhr. Hintermänner wiederum, denen das kurze Aufflackern aus der Säule Gefahr signalisierte, traten ihre Bremsen sehr beherzt und schlichen sozusagen in vorauseilendem Gehorsam dermaßen schuldbewusst mit starrem Blick am futuristischen Gebilde vorbei, dass sie ihr Vehikel vermutlich schneller hätten tragen können.

Technischer und optischer Generationenwechsel

Gewöhnungssache? So war das auch in anderen Städten gewesen, als die den technischen und optischen Generationswechsel vollzogen. Mannheim beispielsweise oder Wiesbaden. In der Hessen-Hauptstadt gingen die ersten „PoliScans“ im April 2007 in Betrieb, weitere folgten ein Jahr später. Die Erfolge ließen keinen Zweifel daran, dass es eine gute Investition in die Verkehrssicherheit war, sagt Stadt-Sprecher Florian Grösch. An einem Standort habe es anfangs wöchentlich 1 000 Blitze gegeben; mittlerweile habe sich die Wochen-Fallzahl auf zwischen 200 und 300 eingependelt. An anderer Stelle registriere die Stele heute 1 000 Verstöße wöchentlich - die gab es dort zu Beginn täglich.

So sieht der futuristische „Starenkasten“ aus. 

Das Sicherheitsplus machen auch Offenbachs Ordnungsamtschef Peter Weigand und Stefan Sommer, Sachgebietsleiter des Technischen Verkehrsdienstes, als Argument für die Anschaffung des rund 80 000 Euro teuren - und mit einem Designpreis ausgezeichneten - Gerätes für den Spessartring geltend. Weigand: „Unsere mobilen Messungen haben gezeigt, dass dort gerne mal sehr viel zu schnell gefahren wird.“ Und das ausgerechnet an einer Stelle, an der Rettungsfahrzeuge unbehindert das Gelände des Roten Kreuzes verlassen müssen, Buchhügel-Schüler die Straße queren und Kleingärtner von ihrem Terrain auf den Ring drängen. Raser, sagt Sommer, seien dort auch schon mit 130 Sachen erwischt worden.
Am Taunusring, wo nun auf dem Mittelstreifengrün knapp hinter der Einmündung in die Finkenstraße alles für eines der gepfählten Gehäuse vorbereitet ist, habe sich ein ähnliches Bild ergeben. Die Stadt überprüfte „viele, viele Beschwerden von Anwohnern“, gab ihnen nach Messungen recht und holte bei der Landespolizeischule ein Gutachten ein, um den Standort absegnen zu lassen.

Gegen Rachsüchtige gesichert

Dass allzu viele die Folgen ihres unfreiwilligen Fototermins vor Gericht werden mildern wollen, wie das in Mannheim der Fall war, fürchtet man im Amt nicht. Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig habe „Poli Scan“ geprüft und dem Rotlicht ebenso grünes Licht gegeben wie die Eichdirektion, versichert Sommer.

Die Abschreckung kann also beginnen. „Die Leute sollen die Geräte sehen und aus Angst vor dem Blitz langsam fahren“, erklärt Weigand. Die eigene Angst vor den Kosten der Anschaffung wiederum hat der Ordnungsamtschef mit dem Sparpotenzial des neuen Gerätes besänftigt. „Früher mussten wir Kontaktschleifen in die Fahrbahn legen, die uns bei Bauarbeiten wieder verrumst worden sind. Das waren dann auch immer mal 20 000 Euro Reparaturkosten oder mehr.“ Die moderne Blitzer-Säule sei ein „lasergestütztes System“ - Straßenarbeiten unnötig.

Ein stabiles Betonfundament hat die Stele aber bekommen. Und auch sonst scheint sie durchaus in der Lage, allerlei Widrigkeiten zu trotzen. Eine Alarmanlage macht‘s möglich. Die bemerkt beispielsweise, wenn ein wütender Bußgeldkandidat mit dem Bolzenschneider Rache nehmen will, und löst Alarm bei Amt und Sicherheitsfirma aus. Bemerkenswert: Die Stele steht selbst unter Beobachtung; eine Videokamera dokumentiert jegliche Sabotageversuche.

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