„Sonst lösch’ ich dich“

Multimediales Theaterstück „HDM-Slam“

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In der virtuellen Welt fällt Internet-Neuling Emailia mit ihrem Avatar Ismail sofort auf, denn Styling und Verhalten entsprechen nicht den Normen der Netzgemeinde: „Du warst noch nie online, wer bist du?“ - Fotos:

Offenbach - Ein Ort ohne Internet und Handys? Für die meisten Jugendlichen heute kaum mehr vorstellbar. Emailia aber lebt genau dort – hinter dem Mond („HDM“). Als ihre Mutter ihr eines Tages ein Handy schenkt, eröffnet sich für das junge Mädchen eine völlig neue Welt. Von Jenny Bieniek 

Um die oft fließenden Grenzen zwischen on- und offline-Leben dreht sich das multimediale Laien-Theaterstück „HDM-Slam“, dessen Premiere gestern Abend im Ledermuseum über die Bühne ging. Knapp 40 Schüler der Offenbacher Mathilden-, Geschwister-Scholl-, Edith-Stein- und Theodor-Heuss-Schule sowie Jugendliche aus dem KJK Sandgasse und dem Jugendzentrum Lauterborn haben sich dafür fernab des Unterrichts mit dem Thema digitale Medien auseinandergesetzt. Denn für die „Generation Smartphone“ ist der permanente Wechsel zwischen virtueller und realer Welt selbstverständlich geworden.

Streetfighter-Szenen im Schwarzlicht, ein Dichter-Battle zum Thema Liebe.

„Es ist schon so etwas wie eine kleine Sucht“, räumt die 14-jährige Edith-Stein-Schülerin Marija ein. „Wir müssen ständig unsere E-Mails und Facebook checken, aus Angst, wir könnten sonst den Kontakt zur Außenwelt verlieren.“ Schulkameradin Lula Mae nickt. Facebook steht dabei genauso hoch im Kurs wie der Nachrichtendienst Whatsapp und Chats. Doch zurück zum selbst erarbeiteten Stück: Mit ihrer Online-Identität Ismail taucht Emailia fortan in neue Welten ein, doch ihre eifersüchtige Schwester Excelsia ist ihr dicht auf den Fersen. Als sie online King Linux begegnet, sorgt dies auch im realen Leben für Turbulenzen.

Es folgt ein Potpourri aus virtuellen Kampfszenen, geklauten Identitäten und geschönten Charakteren, denn mit der Wahrheit nimmt man es im Netz oft nicht so genau. Die Darstellerinnen Virginia und Hanna sind selbst in keinem sozialen Netzwerk mehr vertreten. Sie haben ihre Profile gelöscht. Eine bewusste Entscheidung, die im Umfeld zunächst auf Unverständnis stieß. „Inzwischen wissen’s aber alle und akzeptieren es“, sagt Hanna. Sie fühlten sich unwohl bei dem Gedanken, dass sie via Facebook jeder kenne.

Die virtuelle Welt hält für Emailia jede Menge neue Erfahrungen bereit. Schüler der Mathildenschule sorgen an den Instrumenten für den passenden Sound.

Die Schauspielerei ist für die meisten der Akteure Neuland, doch viele haben Feuer gefangen. „Zwischenzeitlich haben einige mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören, aber dann, als eine durchgehende Handlung daraus wurde, hat’s wieder wahnsinnig viel Spaß gemacht“, sind sich die Schüler einig. Und noch etwas hat das schulübergreifende Projekt gebracht: „Vorher hatten wir ein paar Vorurteile, was die Schüler aus anderen Schulen betrifft“, geben die Jungschauspieler zu. „Es gibt schon sowas wie Konkurrenzdenken zwischen den Schulen. Die einen sind eingebildet, die anderen asozial, haben wir gedacht.“ Doch während der einjährigen, intensiven Vorbereitung lernten sich die Schüler untereinander besser kennen, wurden nach und nach ein Team.

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Wer wissen möchte, wie das Stück ausgeht, hat heute Nachmittag eine letzte Möglichkeit: Um 16 Uhr tritt das Ensemble noch einmal im Ledermuseum auf. Karten zu drei Euro gibt es an der Museumskasse.

Die Zuschauer erleben während der knapp einstündigen Vorstellung multimedial unterstützte Capoeira-Elemente, Tanz, Gesang und ein Dichter-Battle vor DSDS-Kulisse. In bester Bohlen-Darnell-Manier mäkelt die Jury auch hier an Outfit und Vorstellung und ernennt schließlich ihren Sieger des Wettstreits. Doch die anfänglichen Kontrahenten beginnen sich zu mögen, wollen sich „richtig“ kennenlernen – außerhalb der virtuellen Welt. „Ich will dich in echt treffen – in drei Minuten vorm Ledermuseum, sonst lösch’ ich dich.“

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