Vor 100 Jahren eingeweiht

Synagoge an der Goethestraße: Ein zwiespältiges Symbol

+
Historische Aufnahme vom heutigen Capitol.

Offenbach - Vor 100 Jahren, am 16. April 1916, wurde die Synagoge an der Goethestraße eingeweiht. Zum Auftakt der Jubiläumsfeierlichkeiten lud die Dienemann/Formstecher-Gesellschaft zum Rundgang durch das monumentale Gebäude, das heute als Capitol bekannt ist. Von Fedor Besseler 

Jakob Anton Weinberger, Vorsitzender der Max Dienemann/Salomon Formstecher-Gesellschaft, begrüßte gestern Vormittag rund 50 Interessierte zu einer Führung durch den neoklassizistischen Kuppelbau. Weinberger bezeichnete die Synagoge als ein Baudenkmal der Neuzeit, welches repräsentativ für die Geschichte des deutschen Judentums steht. Der ehemalige Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel führte anschließend durch das Gebäude und dessen wechselvolle Geschichte. Ruppel rückte zunächst die griechisch-römische Antike als dominierenden architektonischen Stil in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Beispielhaft für diese Bauart sind die dorischen Säulen am Eingang und im Innenhof des Gebäudes ebenso wie die an das Pantheon erinnernde Hauptkuppel.

Der Thoraschrein im Innenraum der einstigen Synagoge.

Die Synagoge knüpfte mit den antiken Stilelementen durchaus an einen vorherrschenden nationalen Stil an, so Ruppel. Die Offenbacher jüdische Gemeinde wollte dadurch ihrer gelungenen Emanzipation Ausdruck verleihen. Die am Eingang der Synagoge angebrachte Tafel zur Erinnerung an die ehemalige Synagoge zitiert in diesem Sinne die Worte des damaligen Gemeindevorsitzenden Max Goldschmidt von der gelungenen Eroberung eines Platzes an der Sonne. Goldschmidt knüpfte damit zugleich sowohl an die Äußerung des Staatssekretärs Bernhard von Bülow zum kolonialen Expansionsdrang des Kaiserreiches, als auch an das Grundgefühl einer florierenden jüdische Gemeinde in Offenbach an, deren Mitgliederzahl bis 1910 auf über 2300 Gläubige angewachsen war. Goldschmidt wollte mit einem Neubau die räumliche Enge der Alten Synagoge an der heutigen Großen Marktstraße überwinden und ein Zeichen setzen für das gewachsene Selbstbewußtsein des deutsch-jüdischen Bürgertums zu Beginn des 20. Jahrhundert.

In diesem Kontext erinnerte Weinberger an den janusköpfigen Charakter der Emanzipation des deutschen Judentums. So wurde noch im Kriegsjahr 1916, als Max Goldschmidt die Eroberung der Sonnenseite konstatierte, die sogenannte „Judenstatistik“ angefertigt. Dabei handelte es sich um eine Erhebung die „jüdische Drückeberger“ ausfindig machen sollte. Diese Erhebung ging einher mit gewalttätigen antisemitischen Aktionen.

Coldplay im Offenbacher Capitol: Eindrücke des Konzerts

Im Folgenden führte Stadtarchivar Ruppel durch das Schmuckstück der ehemaligen Synagoge: Der eindrucksvolle Innenraum des Kuppelbaus bot einst über 800 Gläubigen Platz und habe bis heute „keine entscheidenden Veränderungen“ erfahren. Wo heute Stars und Sternchen auf den Bühnen des Capitol ihre Performances darbieten, befand sich ursprünglich der nach Jerusalem ausgerichtete Thoraschrein und die gigantische Orgel. Das Inventar der Synagoge wurde im Zuge der Novemberpogrome 1938 zerstört. Gemeindemitglieder wurden 1942 in Konzentrationslager deportiert. Laut Hans-Georg Ruppel ist die Synagoge an der Goethestraße daher nicht nur das Symbol der Emanzipation der Offenbacher Juden, sondern zugleich das Zeugnis von deren Vernichtung.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare