Kommentar: Das „System Offenbach“

Offenbach - Das Markenzeichen Kreativstadt muss sich Offenbach erst erarbeiten. Von Alexander Koffka

Den Titel Stadt der Koppelgeschäfte, der Seilschaften und der Männerbünde hat sich die lokale Elite längst verdient. Es ist schon unterhaltsam mit anzusehen, wie am Main alle an einem Strang ziehen und „Win-Win-Situationen“ schaffen. So pflegte das der frühere OB Gerhard Grandke zu formulieren. „Eine Hand wäscht die andere“, klingt nicht ganz so nett, meint aber ungefähr dasselbe. Viele Akteure in der Stadt geben vor, im Interesse des Gemeinwohls zu handeln. Dass sie dabei - mindestens nebenbei - ihren persönlichen Vorteil im Auge haben, verschweigen sie.

Unsere Zeitung ist schuld, dass das bewährte „System Offenbach“ in dieser Woche kurzfristig ins Stocken geraten ist. Dass wir uns über einen „Auftrags-Inzest“ in der unternehmerischen Stadt-Familie mokierten, verdarb den Akteuren den Spaß am unsittlichen Treiben: Sie fürchteten noch mehr schlechte Presse.

Bemerkenswert ist nicht allein, dass die ESO GmbH eine Firma beauftragt, die dem Prokuristen der Stadtwerke Offenbach Holding gehört, also der Muttergesellschaft der ESO. Ebenso interessant ist, dass die Handelnden das ganz normal finden und nicht einen Hauch von Unrechtsbewusstsein zeigen. So hat Dieter Lindauer, was sehr für ihn spricht, nicht eine Sekunde gezögert und auf Nachfrage unserer Zeitung gleich offen eingeräumt, dass ihm noch immer 60 Prozent der Marktforschungsfirma gehören, die den Auftrag der ESO erhalten hat.

Bereits lange bevor Lindauer Prokurist der Stadtwerke Holding wurde, hat seine Firma im Auftrag der ESO GmbH Marktforschung betrieben. Dieser Fakt entkräftet tatsächlich den Verdacht, dass bei der jüngsten Vergabe gemauschelt worden sein könnte. Aber die Chronologie macht auch das Netz kenntlich: Lindauer hat in seiner früheren Funktion verschiedene Aufträge für den Offenbacher Stadtkonzern erledigt, dann ist er selbst zu seinem Auftraggeber gewechselt und nun sollte seine Firma eben weiter Aufträge bearbeiten. Was ist da schon dabei? Davon profitieren doch alle!

Wer sich auf der Internetseite der Lindauer Managementberatung umschaut, findet dort ein Zitat von Joachim Böger, Chef der Stadtwerke-Holding, in dem er die Arbeit der Berater lobt, die „entscheidend die Positionierung der Stadtwerke Offenbach Holding GmbH entwickelt“ hätten. So spielt man sich die Bälle zu.

Ein anderes Beispiel für die Offenbacher Form der Koppelgeschäfte ist der leidige Weihnachtsmarkt: Den organisieren die Betreiber im Auftrag der Stadt, ohne dafür honoriert zu werden. Das beteuern sie jedenfalls. Die Konstruktion sieht vor, dass sie ihren Verdienst mit eigenen Geschäften auf ebendiesem Weihnachtsmarkt selbst erwirtschaften. Der eine verkauft Getränke, der andere Strom und Wasser. Dass diese Konstruktion zu Interessenskollisionen führt, liegt auf der Hand und ist an den vielen Gerichtsstreitigkeiten der vergangenen Jahre ablesbar.

Andere Symptome des Systems Offenbach sind nicht so leicht nachweisbar. Von privaten Immobiliengeschäften im Windschatten städtischer ist immer mal die Rede, belegen lassen sie sich nicht. Entweder weil es sich bloß um üble Nachrede handelt oder weil die Akteure zu clever sind.

So wie ein früherer Oberbürgermeister der Stadt. Der erzählte unter vorgehaltener Hand, er sei bei seinem Amtsantritt vom früheren Leiter des Liegenschaftsamtes gefragt worden, welches Erbbaugrundstück er sich denn nun aussuche, nachdem er gewählt worden sei. Als der Würdenträger dankend ablehnte, wunderte sich der Amtsmann: Auf dieses stillschweigende Privileg habe noch keiner der Vorgänger verzichtet.

Zum Glück lassen sich nicht alle kompromittieren von den Versuchungen, die das System Offenbach bereit hält. Und es war richtig, dass Stadtrat Michael Beseler und SOH-Geschäftsführer Joachim Böger auch die zweifelhafte Auftragsvergabe gestoppt haben. Noch verdienstvoller wäre es, den Einfluss des undurchschaubaren Geflechts aus Freundeskreisen, Hinterzimmerzirkeln und Seilschaften einzudämmen und insgesamt für mehr Transparenz zu sorgen.

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