Alzheimer

Aus Tabuzone rausgeholt

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Etwa 1000 Menschen in Offenbach leiden an Alzheimer. Lange war das Thema kaum beachtet, gab es keine Anlaufstelle für Angehörige. Das änderte sich dank der Alzheimer-Gesellschaft Offenbach, die nun ihr ihr 25-jähriges Bestehen feierte. Vorsitzende Grete Steiner feierte mit vielen Gästen das Jubiläum der AGRO. Für die musikalische Untermalung sorgte das AWO-Salon-Orchester, das Ensemble des t-Raum-Theaters überzeugte mit einer emotionalen Darbietung zum Thema Demenz.

Offenbach - Sie leben in Fragmenten ihrer Vergangenheit. Zeit und Raum sind vergessen, der Alltag nur mit Hilfe zu bewältigen. Die Diagnose Alzheimer verändert das Leben der Erkrankten von Grund auf – und das ihrer Angehörigen. Von Veronika Schade

Mit ihr zu leben und richtig umzugehen, müssen sie erst lernen. Noch vor 25 Jahren waren sie dabei sich selbst überlassen. Auch in Offenbach und Umgebung gab es keinerlei Anlaufstelle zum Thema Alzheimer. Diese Feststellung musste Claudia Bechthold machen, Redakteurin unserer Zeitung, als sie im Herbst 1989 einem Bekannten helfen wollte. Bei einem Abendessen mit dem damaligen Sparkassen-Vorstandsvorsitzenden Hans-Peter Kloppenburg nahm die Idee, einen Verein zu gründen, konkrete Züge an. „Ein Vorstand hat sich dann nach und nach gefunden“, erinnert er sich gestern bei der Feier anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Alzheimer-Gesellschaft Region Offenbach (AGRO) im Rathaus mit Gästen aus Politik, Kultur und Medizin.

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Walter Picard übernahm den Vorsitz. Dem Trio zur Seite standen außerdem Sozialdezernent Hans Nickel, Dr. Hartmut Berger, Oberarzt der psychiatrischen Abteilung im Stadtkrankenhaus, Roman Röhrig von den Stadtwerken sowie weitere interessierte Bürger.

Die Ziele waren klar

Die Ziele waren klar: pflegende Angehörige unterstützen, das Leben der Betroffenen lebenswerter machen, Informationen und Fortbildungen anbieten und das Thema Alzheimer und Demenz in die Öffentlichkeit bringen. Wurden sie erreicht? „Ja und nein“, sagt die zweite Vorsitzende Dr. Gabriele Plaut. Zwar füllten mittlerweile Ratgeber zum Thema ganze Regale in den Buchhandlungen, es gebe anspruchsvolle Filme und Serien sowie eine rege mediale Berichterstattung, doch völlig aus der Tabuzone geholt sei Alzheimer noch nicht, die Ziele nach wie vor aktuell.

In Offenbach leiden etwa 1000 Menschen an der Krankheit im mittleren bis schweren Stadium, deutschlandweit sind es fast 1,4 Millionen. Jedes Jahr kommen 15.000 Neuerkrankte hinzu. Die meisten werden zuhause von ihren Angehörigen versorgt – obwohl sie dies an ihre Grenzen bringt. „Viele empfinden es als Versagen, einen Pflegedienst zu beauftragen“, weiß Plaut. Die Erstellung eines Betreuungsplans ist deshalb ein wichtiger Schritt in dem oft monatelangen Weg der Beratung, die meist mit der Frage beginne, wie auf das veränderte Verhalten zu reagieren sei. AGRO bietet seit 2006 eine Beratungsstelle sowie -telefon an, die erste Angehörigengruppe entstand bereits im Gründungsjahr unter Leitung von Stefan Detig. Derzeit trifft sich eine Selbsthilfegruppe einmal monatlich.

Ob Lesungen, Theateraufführungen oder Filmabende – Veranstaltungen, die sich an ein breites Publikum richten, nehmen einen wichtigen Platz im Kalender ein, ebenso Vorträge und Diskussionen. Für Grete Steiner, seit 2012 Vorsitzende, ist die Sprache der Kunst ein Anliegen. Dazu passt die Initiative von Vereinsmitglied Rebekka Riedl, die jeden Monat mit Patienten und ihren Angehörigen Offenbacher Museen besucht und so Raum für positive, gemeinsame Erlebnisse schafft. „Es wird ganz toll angenommen“, freut sich Steiner. Das hofft sie auch für die Ausstellung „Kunst trotzt Demenz“, die anlässlich des Jubiläums am 7. November in der Stadtkirche eröffnet wird.

Alzheimer - die Krankheit des Vergessens

Alzheimer - die Krankheit des Vergessens  

Ein großer Wunsch für die Zukunft ist, dass Wohnungsbaugesellschaften bei ihren Vorhaben stärker auf die Bedürfnisse von älteren und dementen Menschen eingehen. „Die Generation der Alten wächst“, gibt sie zu bedenken. Als beispielhaft nennt sie das Projekt für Seniorenwohnungen im Hafen. Riedl hat die Vision, ein Café zu eröffnen, das sich an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert, Raum zum Austausch schafft sowie verschiedene Angebote bereithält.

Gastrednerin Monika Kaus von der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft nennt bundesweite Ziele: Die Politik müsse bessere Rahmenbedingungen schaffen. Die Bundesländer Bayern, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein hätten einen Demenzplan verabschiedet – Hessen bislang nicht. „Die Forschung muss ebenfalls weiter gefördert werden“, betont sie. So gibt es in Sachen Alzheimer noch viel zu tun – auch in den nächsten 25 Jahren.

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