Ein Tadsch Mahal in Offenbach

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Verborgen hinter Gerüst und Planen wird das Krummsche Mausoleum saniert.

Offenbach ‐ Es steckt eine Geschichte fürs romantische Herz dahinter. Von über den Tod hinaus dokumentierter Liebe. Von einer Witwe, die dem 15 Jahre älteren Gatten etliche Jahre nach seinem Tod ein Denkmal setzt, das in Deutschland seinesgleichen sucht. Von einem Offenbacher Tadsch Mahal. Von Thomas Kirstein

Mit einem kleinen Unterschied zum indischen Weltwunder: Dessen Bauherr soll sich auf freudig erbrachte Dienste der Untertanen gestützt haben, als er seiner toten Lieblingsfrau den Grabpalast errichtete.

In Offenbach dagegen wurde öffentlich Empörung über Verschwendung laut und in der Zeitung gedruckt. Schließlich verschlang das Mausoleum für den 1854 geborenen und 1912 verstorbenen Lederwarenfabrikanten Heinrich Krumm anno 1919 den Goldmark-Gegenwert eines veritablen Wohnhauses.

Oktober 2009: Die Restaurierung hat gerade begonnen, noch ist die Kuppel überwuchert.

Dein Leben war Liebe - eine Liebe war mein Glück“, ließ Witwe Marie ins innere obere Rund des Tempels auf dem Alten Friedhof meißeln. Dass sie da bereits erneut verheiratet war, mit einem Herrn Sauer aus Wiesbaden, scheint unwesentlich. Als sie zwei Jahre später starb, ließ sie sich neben ihrem Ersten in der noblen Gruft zu Offenbach beisetzen.
Das Paar hatte keine Nachkommen - die Krumms, unter denen die Weltmarke Goldpfeil entstand, sind eine andere Linie. Das mag erklären, warum das baugeschichtlich bedeutsame Grabmal im Laufe der Jahrzehnte herunterkam - und, wegen verrosteter Türen ungesichert, auch missbraucht wurde. Deshalb spukt da auch eine Geschichte von Schwarzen Messen herum, die dort gefeiert wurden - Spuren im Innenraum deuteten darauf hin.
Für die Sanierung kommt nun der Staat auf. Der hat laut dem Offenbacher Denkmalschützer Helmut Reinhardt die Einzigartigkeit des zwischen spätem Jugendstil und Neoklassizismus angesiedelten Mausoleums erkannt. 60 000 Euro haben der Bund, je 30 000 das Land und die Stadt (über ihren ESO) bislang gezahlt.

Aber dieses Geld reicht wohl nicht aus

Das bedauert der mit der Restaurierung betraute Dieburger Architekt Claus Giel am Montagabend, als Stadtrat Paul-Gerhard Weiß und Stadtwerke-Chef Peter Walther ausgewählten und vom ehemaligen Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel eingestimmten Offenbachern das Projekt vorstellen.

Februar 2010: Offenbachern ist ein Blick in ein verblüffendes Bauwerk gestattet - so ist die von einem Säulenpaar gestützte Gruft mit goldbeschichtetem Glasmosaik verkleidet.

Kein Geringerer als Hugo Eberhardt war seinerzeit der Architekt, dem die Witwe, „um etwas vollendet Schönes zu schaffen“, völlig freie Hand ließ. Der Vater der Werkkunstschule arbeitete mit drei Bildhauern zusammen. Der Münchner Karl Killer schuf das Tag und Nacht symbolisierende Figurenpaar, das die von Karl Stock entworfenen metallenen Flügeltüren (zurzeit entfernt) bewachte. Karl Huber wirkte für die verblüffende Innenausstattung, von der wohl kaum ein Offenbacher bislang etwas geahnt hat. Reliefs stellen - Trennung und Abschied - Orpheus und Eurydike dar. Hubers lebensgroßer weiblicher Bronzeakt steht für die Ewigkeit. Über allem wölbt sich in der ovalen Kuppel ein Mosaik-Sternenhimmel, blau wie das Deckengemälde eines Pharaonengrabs.
Als komplexes, vor 90 Jahren bis ins Detail konzipiertes Gesamtkunstwerk hat sich die Anlage entpuppt. Außen war verkrusteter, geschwärzter Muschelkalk zu reinigen, aus den Fugen der Kuppel gesprossenes Gehölz zu entfernen, manche Setzung und Verschiebung zu richten.

Was die Sanierung unter anderem teurer als erwartet macht: Innen sind Mosaike abzunehmen und wieder aufzubringen - das erledigt übrigens der Betrieb, der sie seinerzeit hergestellt hat.

Weitere Bilder vom Mausoleum

Das Offenbacher Tadsch Mahal

Eine schwere Steinplatte verschloss den Zugang zur eigentlichen Gruft; der Metallrahmen ist völlig verrostet und soll durch Edelstahl ersetzt werden. Ein ausgeklügelter Mechanismus mit Gegengewichten erlaubte das Öffnen des Deckels, sodass man über Treppenstufen in die Tiefe steigen konnte. Das mit goldbeschichtetem Glasmosaik geschmückte Gewölbe ließ sich mit Lampen beleuchten, die aus in einem Schrank deponierten Batterien gespeist wurden.

Solange die Krummsche Krypta saniert wird, ruhen Heinrich und Marie in ihren Särgen an anderer Stelle des Alten Friedhofs. Bestimmt nebeneinander, weil es ja eine Geschichte von Liebe über den Tod hinaus bleiben soll.

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